Wir Festgefahrenen
Wo Generationen über Werte verhandeln, entsteht Reibung. Das ist ein gerechter Prozess, weil er beiden Seiten wehtut, wehtun muss, damit er wirkt. Bei der „Generation Z“ hält sich jedoch medial der Eindruck, dass die Spaltung tief und ihre Überheblichkeit gegenüber den „Boomern“ enorm ist. Entsprechend gering fällt der Dialog aus. Das hat einen Grund, wie eine Inszenierung an Berlins Grips-Theater verdeutlicht: Das Problem gerechter Sprache ist nicht das Sternchen.

Wenn ein Haus in den vergangenen Jahrzehnten in Vorleistung gegangen ist, Jugend laut zu denken, dann das Grips-Theater. Seine Qualität als Seismograf bekommt in der jüngsten Uraufführung „Der Bus brennt“ einen dramatischen Anstrich, nicht nur, weil das Stück klimadüstere Zukunftsaussichten malt. Deutlich transportiert es die Botschaft, dass beim Protest der Jungen die Angst mitschwingt, die Sprachlosigkeit der Eltern könnte auf sie übergehen. Von der Bühne aus appellieren die Mitwirkenden: Wir müssen über Scheitern sprechen können, miteinander. Eine wohltuende Dosis Verantwortungsbewusstsein, die das Publikum mit langanhaltendem Applaus würdigt.
Denn Fakt ist, gerechte Sprache ist auf der Strecke geblieben, hier symbolisch umgesetzt als havarierter Schulbus. Weil er KI-gesteuert ist, kommen fünf Jugendliche nicht voran. Übersetzt: Die operative Ebene bremst die Empathie aus. Ausgerechnet am letzten Schultag, wo Noten verteilt werden, die Erfolg oder Niederlage definieren. Eine gute Bildsprache, die sich durchzieht: Die eigentlichen Probleme sind die fehlende Kommunikation und die mangelnde Resilienz, die sich daraus (nicht) ergibt. Ein winziges Detail, das die Situation zuspitzt, ist die androgyne Namensgebung der fünf Jugendlichen: Sie heißen Zündi, Tessifred, F.P., Hann und Letah. Es ist der Fantasie des Publikums überlassen, wer Junge ist und wer Mädchen, Kostümbildnerin Lan Anh Pham hat akribisch gearbeitet, um die Manöverkritik am Ringen um Sprache einzufassen. Während die Fünf um die Zukunft ihres Planetenmodells bangen (das sie zum Zeugnistag abgeben müssen), streitet die Gesellschaft auf Nebenschauplätzen über Gendersternchen.
Regisseur Robert Neumann und Autorin Kirsten Fuchs hatten sich vorab mit Schulklassen zusammengesetzt, deren Sicht auf die Zukunft angehört und debattiert. Also das getan, was real zu wenig stattfindet. Überrascht waren die Theatermacher davon, dass sich nur wenige Jugendliche aktiv einsetzten, die Haltung der Gesellschaft zu verändern. „Als wir aber fragten, wer sich um die Zukunft sorgt oder wen die Klimakatastrophe ängstigt, meldeten sich gefühlt 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler“, berichtet Neumann.
Die Sprachlosigkeit ist längst nicht mehr schleichend. Tabus sind aus dem Diskurs verschwunden, spätestens seit der Pandemie. Dinge haben zu laufen, glänzend zu laufen, ein Mantra, das medial gestützt wird. Dass auch – und gerade – aus Niederlagen Verantwortung erwächst, wenn man ihnen mit Empathie begegnet statt sie als Gesichtsverlust überzubetonen, ist keine Gesprächsoption mehr. Entsprechend hoch sind die Drama-Amplituden auf der Grips-Bühne, als erstens klar geworden ist, dass der Bus nicht abfährt, zweitens gesunder Menschenverstand nicht mehr gegen die Technik ankommt, drittens die Planetenmodelle nach und nach kaputtgehen, sei es als Unfall oder Zufall. Es fehlt an Resilienz. Das heraufziehende Unwetter verdichtet noch einmal die Aussage des Stücks: Je unverhandelbarer menschliche Kommunikation ist, desto wirksamer die Krise. Kirsten Fuchs hält diese Pointe aufrecht, indem sie ihre Figuren die richtigen Fragen stellen lässt, die Antworten aber schuldig bleibt. Das ist ungerecht. Der gesellschaftliche Ist-Zustand hat die junge Generation von jeher aufgebracht. Sie hat Veränderungsprozesse stets gedeutet und ermöglicht. Neu ist, dass die Generation Z ein indifferentes Gegenüber hat, das keine Auseinandersetzung anbietet. Wenn wir als Gesellschaft gescheitert sind, dann an unserer eigenen Organisationslogik.
Text: Dr. Tanja Kasischke
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