„Pantopia“
Interview mit der Buchautorion Theresa Hannig
Theresa Hannig hat vor einem Jahr ihren Roman „Pantopia“ veröffentlicht, in dem eine „starke“ künstliche Intelligenz zu verhindern versucht, dass sich die Menschheit ihr eigenes Grab schaufelt. Merle Klingenberg hat für die WerteJahre mit ihr über das Thema Gerechtigkeit gesprochen.

PNJ: Können Sie zu Beginn des Interviews einmal mit eigenen Worten verraten, worum es in „Pantopia“ geht?
Hannig: Es geht um eine bessere Welt und die Lösung all unserer Probleme mit jetzt schon zur Verfügung stehenden Mitteln.
PNJ: Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Was hat Sie inspiriert?
Hannig: In meinen Büchern geht es generell immer um zukünftige Gesellschaften. Bisher waren das Dystopien. Die sind einfacher zu schreiben, meist spannender, und im Genre sind Dystopien eher Tradition, weil es einfacher ist, Probleme zu benennen als Lösungen anzubieten. Aber ich fand, dass das auf lange Sicht ein unbefriedigender Ansatz ist. Ich kann natürlich viel warnen, aber wenn ich viel gewarnt und verhindert habe, habe ich noch keine bessere Welt geschaffen, sondern nur eine, die nicht schlechter ist als heute. Ich hatte aber das Gefühl, dass wir dringend neue Ideen brauchen, die die Welt zum Besseren führen. Wenn wir immer nur negative Gedanken und Angst vor der Zukunft haben und gar nicht in der Lage sind, positiv zu denken, sind wir auch nicht in der Lage, positiv zu handeln. Es war mir wichtig, ein positives Zukunftsszenario beizusteuern, damit Menschen sich das durchlesen und dann motiviert sind, selber aktiv zu werden.
PNJ: In der Danksagung von „Pantopia“ erwähnen Sie, dass Sie das Buch geschrieben haben, weil sie schon immer eine bessere Welt wollten. Und wenn nicht in der Realität, dann wenigstens auf dem Papier. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es wirklich mal zu einer solchen Veränderung, ähnlich wie in „Pantopia“ beschrieben, kommt?
Hannig: Eine Weltrepublik halte ich in naher Zukunft für unwahrscheinlich, einfach weil das Interesse daran zu gering und politischer Tribalismus und Nationalismus nach wie vor sehr stark sind. Es ist klar, dass „Pantopia“ am Ende ein Roman ist, der deshalb funktioniert, weil ich die Bedingungen entsprechend gesetzt habe. Andererseits ist eine Zukunft im Sinne von „Pantopia“ allein dadurch schon wahrscheinlicher geworden, weil viele Menschen das Buch gelesen und sich mit den Gedanken auseinandergesetzt haben.

Fischer Tor Verlag
464 Seiten
16,99€
PNJ: In unserem diesjährigen WerteJahr geht es um das Thema „Gerechtigkeit“. Was bedeutet Gerechtigkeit für Sie?
Hannig: Gerechtigkeit ist ein wahnsinnig komplexes Thema, weil es vermeintlich so einfach ist. Man hat schnell ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Es ist etwas, das sehr tief in uns drin ist und intuitiv funktioniert, aber wenn man es logisch oder objektiv auseinander sortieren will, wird es plötzlich wahnsinnig kompliziert. Nicht umsonst beschäftigen sich Philosoph*innen seit tausenden Jahren damit. Für mich ist Gerechtigkeit Chancengleichheit: Das heißt, dass jede Person ihr Potential entfalten kann und die Gesellschaft dafür sorgt, dass ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. In der gerechten Gesellschaft gäbe es also ein Recht auf Nahrung, Wohnen, Bildung, soziale und kulturelle Teilhabe. Auch eine sichere Zukunft wäre ein Teil dieser wünschenswerten Gesellschaft.
PNJ: Wie kann man diese Gerechtigkeit Ihrer Meinung nach umsetzen?
Hannig: Wer sich das globale Gerechtigkeitsverhältnis vergegenwärtigt, stellt schnell fest, dass wir von einer wirklich gerechten Gesellschaft weit entfernt sind. In Europa genießen wir einen extrem hohen Lebensstandard was materielle und immaterielle Güter betrifft, während wir Menschen, die beispielsweise aus afrikanischen Staaten fliehen und zu uns kommen wollen, im Mittelmeer ertrinken lassen. Um auf eine gerechte Ebene zu kommen, müssten wir so viele unserer Privilegien abgeben, dass wir kaum einen Konsens hinbekommen würden. Denn viele Menschen, die bereits privilegiert sind, meinen, sie hätten ein Anrecht auf diesen Lebensstandard und empfänden einen Verzicht auf dieselben daher als Ungerechtigkeit. Wir beurteilen Gerechtigkeit immer im Vergleich zu anderen Menschen und die Frage ist, wie groß die Gerechtigkeitsvergleichsgruppe ist.
PNJ: Auch in „Pantopia“ ist die Gerechtigkeit zentrales Thema. Warum beschäftigen Sie sich so ausführlich damit?
Hannig: Das war für mich schon immer ein sehr wichtiges Thema. Ich habe Politikwissenschaften studiert und hatte im ersten Semester einen Kurs über Platons „Politeia“, in dem ich sehr schlecht abgeschnitten habe, weil ich das Konzept nicht richtig verstanden hatte. Das hat mich irritiert und geärgert. Deshalb habe ich mich immer wieder damit beschäftigt. Ich kreise quasi um dieses Thema und bearbeite das eigentlich in all meinen Büchern. Es ist kein Thema, das man final lösen kann, aber eines, über das man sich lange Gedanken machen und sehr gut diskutieren kann.
PNJ: Sie haben sich dazu entschieden, „Pantopia“ als Utopie zu gestalten. Sie sind also zuversichtlich, was die Zukunft der Menschen auf unserer Welt trotz all der aktuellen Probleme angeht?
Hannig: Jain, das ist ein bisschen tagesformabhängig. Grundsätzlich haben wir als Menschheit das Potenzial, uns positiv zu entwickeln und eine gute Zukunft zu schaffen. In der Realität kommen gesellschaftliche und technologische Fortschritte aber überproportional stark einzelnen Akteuren und nicht der Bevölkerung zugute. Das liegt einerseits am kapitalistischen Wirtschaftssystem, andererseits an den demokratischen Prozessen, die langsam, bürokratisch und aufreibend sind. Ich habe ein sehr positives Menschenbild. Es gibt sehr viele Leute, die schlau und altruistisch sind und die Menschheit voranbringen wollen. Es gibt aber auch Leute, die daran kein Interesse haben. Jetzt ist die Frage, wer mehr Einfluss auf die Zukunft hat. Wenn ich mir die Realität anschaue, dann sehe ich schon, dass wir, gerade was die Klimakrise betrifft, in einem gordischen Knoten von Politik und fossilem Kapitalismus feststecken, der uns daran hindert, voranzukommen.
PNJ: Haben Sie eine Anekdote, die Sie besonders mit dem Thema „Gerechtigkeit“ verbinden?
Hannig: Eine einzelne Anekdote nicht, aber ich habe eine große Schwester und in einer Familie ist es glaube ich immer ein Thema, ob man gerecht behandelt wird. Kinder kämpfen um Aufmerksamkeit und irgendjemand fühlt sich immer benachteiligt. Der Wunsch nach Gerechtigkeit ist also etwas, das uns von klein auf beschäftigt.
Interview: Merle Klingenberg
Pantopia
Während Henry Shevek und Patricia Jung eine autonome Trading-Software schreiben, die an der Börse überdurchschnittlich gut performt, entsteht durch einen Fehler im Code die erste „starke“ künstliche Intelligenz auf diesem Planeten, Einbug. Dieser begreift schnell, dass er zum Überleben, nicht nur die Menschen besser kennenlernen, sondern auch die Welt verändern muss. Zusammen mit Patricia und Henry gründet er deshalb die Weltrepublik Pantopia, dessen Ziel die Abschaffung der Nationalstaaten und die universelle Durchsetzung der Menschenrechte ist.
Mehr zu Theresa Hannig: https://theresahannig.de/
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