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Gerechte unter den Völkern

Im Holocaust halfen einige Menschen ihren jüdischen Mitbürgern – sie werden in der zentralen Gedenkstätte in Jerusalem geehrt

„Ich glaube, es ist wirklich Lorenzo zu verdanken, dass ich heute am Leben bin – nicht in erster Linie wegen seiner materiellen Hilfe, sondern weil er mich durch seine Gegenwart ständig daran erinnerte… dass es außerhalb der unseren noch immer eine gerechte Welt gab, Dinge und Menschen, die noch immer rein und intakt waren…. für die es sich zu überleben lohnte.“ So beschrieb der italienische Schriftsteller und Chemiker Primo Levi seinen Retter – den Menschen, der ihn während des Holocaust vor dem Mord durch die Nazis bewahrte. Levis Buch „Ist das ein Mensch?“ ist eines von vielen Zeugnissen dafür, dass es während der Shoah nicht nur Bestien gab sondern auch Helfer. Sie wurden bekannt als die „Gerechten unter den Völkern“.

Gedenkstein in Yad Vashem, Foto: Wikipedia

Primo Levis Retter Lorenzo Perrone wird inzwischen in der zentralen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit einem Denkmal geehrt. So wie etwa 26.000 Personen aus über 50 Ländern, die den Titel „Gerechter unter den Völkern“ offiziell tragen dürfen.

Der Ausdruck selbst stammt aus alter jüdischer Tradition. Im Talmud findet sich der Satz: „Die Gerechten aus den Völkern haben einen Platz in der kommenden Welt“. Damit sind nach gängiger Philosophie auch die Menschen gemeint, die nicht-jüdischen Glaubens sind, die aber durch ihr rechtschaffenes Handeln trotzdem einen Einzug ins Reich Gottes erhalten können. Der zugehörige Titel „Gerechte unter den Völkern“ wurde in Israel nach der Staatsgründung 1948 eingeführt. Seit 1963 verleiht ihn eine Sonderkommission im Auftrag des Staates Israel an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus Jüdinnen und Juden halfen.

Eines der Auswahlkriterien, um als Gerechter und den Völkern anerkannt zu werden, ist der Mut, den Menschen an den Tag legen mussten, um ihren jüdischen Mitbürgern zu helfen. Auf der Informationsseite von Yad Vashem heißt es dazu: „In einer Welt totalen moralischen Zusammenbruchs gab es eine kleine Minderheit, die außergewöhnlichen Mut an den Tag legte, um menschliche Werte hochzuhalten. Dies waren die Gerechten unter den Völkern. Sie stehen in krassem Gegensatz zu der Gleichgültigkeit und Feindseligkeit der während des Holocaust vorherrschenden Massen. Entgegen der allgemeinen Tendenz betrachteten diese Retter die Juden als Mitmenschen, für die sie sich grundsätzlich verantwortlich fühlten.“

Das wohl bekannteste Beispiel für einen Gerechten unter den Völkern ist der Unternehmer Oskar Schindler, dem US-Regisseur Stephen Spielberg mit seinem Film „Schindlers Liste“ ein epochales Denkmal setzte. Mit immer riskanteren Methoden erklärte Schindler den zuständigen NS-Behörden, dass er jüdische Zwangsarbeiter für seine kriegswichtigen Produktionen brauchte. So konnte er tausende von Jüdinnen und Juden vor der Deportation in die Todeslager bewahren.

Aber nicht alle Gerechten unter den Völkern konnten so viele Menschen retten. Meist waren es einfach „nur“ hilfsbereite Menschen, die ihre jüdischen Mitbürger – oft lange Zeit aber immer unter Einsatz ihres eigenen Lebens – versteckten und so vor dem Zugriff der SS retteten.

„Konfrontiert mit Juden, die an ihre Tür klopften, sahen sich jene, die bis zu diesem Zeitpunkt nur unbeteiligte Zuschauer gewesen waren, gezwungen, sofort eine Entscheidung zu fällen“, schreibt Yad Vashem. Und weiter: „Dies war in der Regel eine spontane, instinktive menschliche Geste, der eine moralische Entscheidung erst folgte. Oft war es ein allmählicher Prozess, wobei die Retter sich immer intensiver engagierten, um den verfolgten Juden zu helfen. Die Bereitschaft, während einer Razzia oder einer Massenfestnahme jemanden zu verstecken und für einen oder zwei Tage bei sich aufzunehmen, bis etwas anderes gefunden werden konnte, entwickelte sich mitunter zu einer Rettungsaktion, die Monate und Jahre andauerte.“

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, welche Gemeinsamkeiten die Gerechten unter den Völkern hatten. Demnach findet sich „ein Bündel gemeinsamer Charaktereigenschaften sowie persönliche Prägungen wie Zurückgezogenheit, Einzelgängertum oder Außenseitertum.  Die Unabhängigkeit der Retter machte es ihnen möglich, entgegen den akzeptierten Konventionen und Ansichten zu handeln.“

Es gab sicher mehr Menschen, die Jüdinnen und Juden während des Holocaust geholfen haben. Die sie vielleicht nur für eine Nacht beherbergten, die ihnen zu essen gaben, oder die ihnen für eine kurze Flucht halfen. Nur die wenigsten haben die volle Verantwortung für das Überleben dieser Hilflosen übernommen – und sie sind es auch, die in dem sehr sehenswerten Garten der Gerechten der Völker in Jerusalem geehrt werden.

Jedem von ihnen – wie generell allen Menschen, die anderen Menschen helfen und Gerechtigkeit gewähren – gebührt ein Denkmal.

Text: Jörg Wild