Je erwachsener, desto unfairer
Zum Weltkindertag: Träume sind gerecht, jedes Kind hat sie – was es daraus macht, entscheiden die Großen; warum eigentlich?
Gute Nachrichten sehen anders aus. Zum Weltkindertag am 20. September überwiegen Negativschlagzeilen: „Die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen werden in den aktuellen Verhandlungen des Bundeshaushalts erneut ignoriert“, warnt die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung im Hinblick auf die zu erwartenden, geringer ausfallenden Mittel. Die Kürzungen gefährdeten Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit. Das Bundesfamilienministerium geht von 5,6 Millionen armutsbetroffener Familien in Deutschland aus. Deren Kinder und Jugendliche haben es künftig (noch) schwerer, Teilhabe zu lernen und Gemeinschaft zu (er-)leben. „Derzeit verlassen jährlich rund 50.000 junge Menschen ohne Abschluss die Schulen. Die Mehrheit wird später von Transferleistungen leben müssen, da sie keinen Ausbildungs- und damit keinen Arbeitsplatz findet“, prognostizierte Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks „Die Arche“ in einem Beitrag für die evangelische Wochenzeitung „die Kirche“. Und da ist da Thema sozialer und psychologischer Kollateralschäden, die fast jedes minderjährige Kind durch die Schulschließungen und die soziale Isolierung während der Corona-Lockdowns davongetragen hat, noch nicht einmal angeschnitten.

Das Absurde ist, je mehr sich unsere Gesellschaft um Kinder und Jugendliche bemüht, desto größer ist vermeintlich das Scheitern; jüngstes Beispiel war die Debatte um die Kindergrundsicherung, die so zäh verhandelt wurde, dass die Regierungskoalition tagelang zwischen Theaterdonner und Schmollwinkel oszillierte. Es geht um 14 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern. Was einerseits ihre größere Schutzbedürftigkeit rechtfertigt, beschleunigt andererseits offenbar die mangelnde Ernsthaftigkeit, mit der ihre Zukunft verhandelt wird. An der fehlenden Bereitschaft, das zu ändern, rüttelt auch kein Weltkindertag.

„Warum die Welt nicht fair ist“ überschreibt der international renommierte israelische Sachbuchautor Yuval Noah Harari sein jüngstes Werk, das per Punktlandung zum Weltkindertag erschienen ist. Es versteht sich als Appell an die junge Generation, kritisch(er) zu sein und den Erzählungen der Erwachsenen eindeutiger zu misstrauen. So, wie Malala Yousafzai weiter zur Schule ging, obwohl sie ein Mädchen war. Widerstand leisten, eigene Werte verteidigen lernen, das klingt nicht neu, denn das Prinzip kennt jeder aus der eigenen Pubertät. Demokratische Bewegungen haben von der Einstellung profitiert, zuletzt die Friedliche Revolution 1989. Es ist Zeit, die Vokabel Gerechtigkeit zu entstauben, dazu pflügt Harari konsequent durch die Menschheitsgeschichte – und landet bei einem einleuchtenden Fazit: Das Problem fehlender Teilhabe ist hausgemacht. Sobald Menschen miteinander in den Wettbewerb treten, angefangen bei den Bauern mit den Jägern und Sammlern, geht es um Besitz und Hierarchie. Das geht gut, solange das Gefüge menschlich bleibt und der Gedanke an Gemeinschaft mitgedacht wird; beispielsweise als Wert guter Bildung, die einem Menschen zuteilwird. Als Teil des kollektiven Gedächtnisses hat Gerechtigkeit eine Chance, Standards zu setzen, auch dann, wenn sich Einstellungen widersprechen und Geister scheiden, lässt sie alle an einem Strang ziehen.
Ende August 2023 wurde in den USA der 60. Jahrestag des March on Washington gefeiert, der 1963 in die monumentale Rede Martin Luther Kings mündete: „Ich habe den Traum, dass meine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird.“ Damit beschwor King genau diese, gemeinsame Erzählung von der Übereinkunft aller, dass es ihre Kinder besser haben sollten. Das ist fast weltweit ein ungeschriebenes Gesetz. Dass es überall anders ausgestaltet wird, liegt – an den Erwachsenen. Yuval Noah Harari beobachtet: „Gemeinsame Träume zählen zu den wichtigsten und stärksten Kräften überhaupt. Dank der Träume, die Menschen miteinander teilen, können sie zusammenarbeiten. Diese Träume werden häufig über sehr lange Zeit geträumt. Menschen sterben aber ihre Träume leben weiter, weil ihre Kinder, Enkel und Urenkel sie träumen.“ Allerdings erst, wenn sie erwachsen sind, und dann häufig so, wie sie es beigebracht bekommen haben. Yolanda King, die 15-jährige Enkelin Martin Luther Kings, äußerte sich beim Jubiläum der Rede ihres Opas so: „Es tut mir leid, dass wir noch immer hier sind, und dein Traum noch nicht vollendet ist.“
Weltweit verändern Krisen die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Wenigstens das ist fair, so unglaublich es klingt: Alle sind betroffen. Trotzdem hängt das gute Leben weiterhin davon ab, wie Erwachsene die Welt „lesen“ und damit auch, was es heißt, dass es einem Kind gut geht. Geht es um alle Kinder? Nur um die Jungs? Nur um die Weißen? Nur um die Mädchen und Jungen, bei denen beide Eltern einem sozialversicherungspflichtigen Job nachgehen? Maßstäbe, die nicht mehr so recht zur sich schneller drehenden Welt passen wollen. „Eigentlich leben wir alle in den Träumen von Toten“, schreibt Yuval Noah Harari. „Sollten wir uns nicht mal ein paar neue Träume ausdenken?“ Überall spielen die Bildung und das Einkommen der Eltern eine Rolle, und damit auch, was man den Kindern als richtig und falsch vermittelt. Dass man sie überhaupt auf den Gedanken bringt, dass sie Rechte haben, wichtig und wertvoll sind, und ihr Sinn des Lebens darin besteht, dass es sie gibt, ist ein Anliegen, auf das der Weltkindertag seit Jahren hinweist. Gerechtigkeit braucht Gemeinschaft, das ist bei Kindern sehr viel selbstverständlicher als bei Erwachsenen, dass alle gemeint sind und gemeint sein dürfen. Kinder- und Jugendbildungsangebote bauen darauf auf. Das Schlagwort Teilhabe braucht es genau genommen gar nicht, blickt man auf die Kinder. Das ist eine faire Chance, die sie alle verdienen. Die geplanten Kürzungen aber stützen das Narrativ, dass Kinder und Jugendliche nicht wichtig sind. Und das in einer Zeit, in der wir um den Wert von Gemeinschaft ringen.
Text: Dr. Tanja Kasischke
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