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Gerechtigkeit ist, wenn jede partizipieren kann

Bridge&Tunnel – Slow Fashion Modeunternehmen aus Hamburg baut Brücken für mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt

Was bedeutet eigentlich Gerechtigkeit? Für Constanze Klotz, kurz Conny, von Bridge&Tunnel definiert sich Gerechtigkeit durch die Möglichkeit, dass jeder und jede an allen Themen partizipieren kann. Was in der realen Welt beinahe utopisch klingt, ist hier möglich: Bei Bridge&Tunnel – einem nachhaltigen Social Fashion Label. In der Werkstadt im Süden Hamburgs werden wortwörtlich Brücken gebaut – „für Menschen, die es eben nicht so einfach haben, Arbeit zu finden, obwohl sie das Talent dazu haben.“ Aber was bedeutet das konkret?

Foto: Bridge&Tunnel

„Bridge&Tunnel haben wir nicht an einem Computer konzipiert. Das Thema kam quasi zu uns“, verrät Conny, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Hanna Charlotte Erhorn, kurz Lotte, vor acht Jahren das Unternehmen gründete. Conny ist Kulturwissenschaftlerin – Lotte Textilwissenschaftlerin. Gemeinsam hatten sie erstmal ein Ziel: Nachhaltige, faire Mode zu produzieren. Durch ein zufälliges Gespräch erfuhren die beiden von einem deutsch-türkischen-Nähclub. „Die Frauen brachten ihre Haushaltsnähmaschinen mit in eine Moschee, rückten Tische und Bänke zusammen und verabredeten sich dort zum Nähen. Das klang zauberhaft aber auch total umständlich. Also kam uns die Idee, die Frauen einfach zu uns in die Werkstatt zum Nähen einzuladen“, erinnert sich Conny zurück.

Und diese Idee erwies sich als gut: „All diese Frauen, die bei uns saßen, konnten fantastisch nähen. Das waren echte Profis!“ Nicht zuletzt auch, weil textiles Handwerk in Ländern wie Syrien, Afrika, Afghanistan und der Türkei eine größere Rolle spielt als hier in Deutschland. Die meisten der Frauen waren sogar bereits seit 15 oder 20 Jahren in Deutschland – hatten aber noch nie einen sozialversicherungspflichtigen Job. Und warum? „Weil sie keine verbrieften Qualifikationen mitbrachten“, erklärt Conny. Viele von ihnen lernten Nähen in Nähereien der Eltern oder Großeltern und eben nicht in einer klassischen Ausbildung. Wenn es aber nicht auf dem Papier steht, wird es auch nicht anerkannt, und die Chancen, in Deutschland einen Job zu bekommen, gehen Richtung null.

Genau dem wirken Conny und Lotte bewusst entgegen: „Wir wollten das Talent und die Leidenschaft dieser Frauen professionalisieren. Und wir wollten zeigen, dass man auch ohne Zeugnisse und Papiere großartige Menschen rekrutieren kann, die einen fantastischen Job machen. Wir sahen die Menschen hinter diesen Qualifikationen.“ Es ging den beiden darum, andere Blickwinkel auf Talent und Leidenschaft zu eröffnen und einen Ort der Begegnung zu schaffen. Also schrieben sie Stellen aus und luden zu Probenähtagen ein.

So entstand das bunte Team, das sich heute stolz Bridge&Tunnel nennt. Conny und Lotte sensibilisieren mit ihrem Unternehmen für ein diverses Miteinander. Hier arbeiten Frauen aller Altersklassen und Herkünften zusammen – auch eine gehörlose Näherin ist mit dabei. Bridge&Tunnel schafft Raum für Selbstverwirklichung. Und die macht sich bemerkbar: „Man kann sehen, was die Arbeit mit den Frauen macht. Frauen, die zu Beginn sehr unscheinbar und zurückhaltend waren, kommen heute strahlend und selbstbewusst zur Arbeit. Das Gefühl, gebraucht und anerkannt zu werden, steigert den eigenen Selbstwert enorm.“

Die Gründerinnen Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn
Foto: Marie Hölscher

Um die Gesellschaft langfristig gerechter zu gestalten, braucht es für Conny eines: „Ein Miteinander, bei dem die Vielfalt der Menschen gesehen wird.“ Es bedarf eines Perspektivwechsels – weg von stumpfen Papieren, hin zu wahren Talenten. Zumindest in der Mode-Industrie beweisen Conny und Lotte, dass das möglich ist. Und auch die Umwelt bekommt bei Bridge&Tunnel ein Stück vom Gerechtigkeitskuchen ab. Hier wird nachhaltig produziert. Denim-Produkte aus Alttextilien, Accessoires und Home-Textilien aus Materialüberschüssen wie Färbe- oder Webproben. Alte Ressourcen bekommen hier die zweite Chance auf ein neues Leben – fair, umweltfreundlich, wunderschön und funktional zugleich.

Dabei nicht zu vergessen: „Anders und nachhaltig zu konsumieren, soll Spaß machen“, so Conny. Es gibt nicht nur die eine nachhaltige Konsumstrategie, die für alle passt. Wichtig ist es aber, ein Verständnis für den realen Preis zu schaffen: „Ich werde nicht müde zu betonen, dass faire Mode nicht zu teuer, sondern herkömmliche Mode zu günstig ist“, so die Unternehmerin.

Eins ist klar: bei Bridge&Tunnel spielt Gerechtigkeit eine große Rolle. Sie inkludiert jeden und jede – und wird zukünftig hoffentlich an noch mehr Orten dieser Welt ein zu Hause finden.

Autorin: Lena Gerhard