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Keine Gerechtigkeit ohne Frieden – kein Friede ohne Gerechtigkeit

Friedenspädagogische Anregungen für den Umgang mit Krieg

Für das Department „Globales Lernen für Konflikttransformation“ der Berghof Foundation: Anna Dorothea Wunderlich, Cora Bieß, Dagmar Nolden und Laura Steinacher

Kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat das Friedenspädagogik-Team Tübingen der Berghof Foundation elf Denkanstöße für den Umgang mit diesem Krieg veröffentlicht.

Damit sollte aufgezeigt werden, dass die Auseinandersetzung mit Frieden in Zeiten von Unsicherheit, Gewalt und Krieg zur Orientierung beitragen kann – auf persönlicher, gesellschaftlicher sowie internationaler Ebene. Dabei kann Frieden als ein Prozess verstanden werden, bei dem Gewalt abnimmt und Gerechtigkeit zunimmt. Die Denkanstöße sind bis heute gültig. Im Folgenden werden die Denkanstöße weiterentwickelt. Sie sollen eine Orientierungshilfe für das Nachdenken über Konflikt, Krieg und Frieden bieten.

1. Solidarität zeigen und die Zivilgesellschaft stärken

Die Solidarität mit allen von Gewalt und Krieg Betroffenen steht an erster Stelle. Der direkte Kontakt zu den Menschen in Kriegsgebieten ist wichtig, um zivilgesellschaftliches Engagement für den Frieden aufrechtzuerhalten. Um lokale zivilgesellschaftliche Akteur*innen jedoch nicht in zusätzliche Gefahr zu bringen, ist ein sensibles und vorausschauendes Handeln gefragt. Dies trifft auch auf Kontakte zu Menschen und Gruppen zu, die sich gegen die Kriegshandlungen des eigenen Landes einsetzen. Ihr couragiertes Handeln stellt häufig eine große Gefahr für sie und ihr Umfeld dar. Die Zivilgesellschaft eines Landes sollte nie grundsätzlich für das Vorgehen ihrer Regierung in Mithaftung genommen werden. Wir beobachten im Moment, dass Kontakte voreilig abgebrochen werden. Das sollte nach Möglichkeit nicht passieren.  

2. Geflüchtete begleiten und Unterstützung anbieten

Insbesondere mit Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, ist ein konflikt- und traumasensibler Umgang wichtig. Schutz und Unterstützungsbedarfe in der Zivilbevölkerung sind individuell und müssen differenziert gedacht werden. Es bleibt entscheidend, dass alle Menschen, die Schutz vor Gewalt, Krieg und Verfolgung suchen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Ethnie oder Religion gleichermaßen unterstützt werden. Im direkten Kontakt und durch aktives Zuhören lassen sich die individuellen Bedürfnisse von Geflüchteten besser im jeweiligen Kontext verstehen. Erst durch respektvolle und wertschätzende Begegnung und im Dialog kann Vertrauen entstehen. Als Unterstützende sollten wir die eigenen Bedürfnisse, Erwartungen und Interessen, die dem Handeln unterliegen sowie die jeweils eigene Rolle, immer wieder in unser Bewusstsein rücken und kritisch hinterfragen. Nur so kann Begleitung und Unterstützung bedürfnisorientiert angeboten werden. Wer dazu beitragen möchte, sollte sich bereits bestehenden Gruppen oder Institutionen im Bereich der Arbeit mit Geflüchteten oder humanitären Hilfe anschließen. Deren Erfahrungen, Professionalität und etablierte Organisationsstrukturen ermöglichen koordinierte Abläufe und verhindern Doppelstrukturen.

3. Gespräche ermöglichen, aktiv zuhören, Perspektiven wechseln

Ob in der Familie, in der Nachbarschaft oder in der Schule: In Zeiten von Krieg, bedrückender Medienberichterstattung und unmittelbarer Betroffenheit sind Gespräche in geschützten Räumen wichtiger denn je. Ängste können so erkannt, anerkannt, gefühlt und ausgedrückt werden. Es bleibt essenziell einander aktiv zuzuhören, um Vertrauen herzustellen und Einblicke in andere Erfahrungswelten zu bekommen. So steigen die Chancen für einen konstruktiven persönlichen Austausch zu Haltungen und gesellschaftlichen Werten. Worte, die andere beleidigen oder verletzen, sind in der Kommunikation zu vermeiden. Im Gespräch sollten Meinungen und Haltungen kritisiert werden, nicht aber die Menschen, die sie zum Ausdruck bringen. Mitgefühl mit einem Menschen zu empfinden und auszudrücken bedeutet nicht, dass dessen (politische) Position geteilt oder gar befürwortet wird. Dabei ist das Aushalten von Widersprüchen und Gegensätzen, auf die es keine einfachen Antworten gibt (Ambiguitätstoleranz), eine wichtige Friedensfähigkeit.

4. Informationen hinterfragen und Standpunkte differenzieren

Medienberichte aus Kriegs- und Krisengebieten bieten oft nur punktuelle Einblicke, sind Momentaufnahmen oder spiegeln subjektive Wahrnehmungen wider. Propaganda und Desinformation fördern ebenfalls eine einseitige Perspektive. Daher gilt es, einseitigen, emotionalisierenden oder reißerischen Berichten oder Bildern kritisch zu begegnen und diese nach Absicht, Zielen und Entstehungshintergrund zu hinterfragen. Wichtig ist es deshalb, Quellen zu prüfen und nicht vorschnell Inhalte zu teilen oder weiterzuleiten. Der Abgleich mehrerer Informationsquellen ist wichtig und es gilt, Gruppenzuschreibungen und dichotome Gegenüberstellungen in Gut-Böse Schemata zu erkennen, zu adressieren und nicht weiterzuverbreiten.

5. Krieg analysieren und Hintergründe erfragen

Angesichts der brutalen Wirklichkeit des Krieges fällt eine abwägende Konfliktanalyse nicht leicht. Aber es gilt, Beiträge aller Seiten zur Konflikteskalation zu untersuchen, wie zum Beispiel politische, wirtschaftliche oder identitätsbezogene Ursachen.  Nachhaltigen Frieden nach einem Krieg kann es nur geben, wenn es keine Tabus bei der Aufarbeitung der Konfliktgenese gibt. Nicht alles, was auf Social Media gepostet wird, ist wahr. In Kriegsgebieten können Inhalte nur teilweise überprüft werden, auf Social Media können auch Desinformationen, Fake News oder Deepfakes zirkulieren. Die mediale Repräsentation von gegenwärtigen Kriegen zeigt, wie Ereignisse aus der Vergangenheit und dementsprechende Narrative gezielt für Kriegspropaganda instrumentalisiert werden können. Auf Social Media können beispielsweise durch Filterblasen, Echokammern und algorithmenbasierte Entscheidungen die verfügbaren Informationen über einen Krieg beeinflusst werden. Dies beeinflusst nicht nur den medialen Diskurs, sondern kann auch unsere Wahrnehmung von Krieg prägen.

6. Politische Reaktionen reflektieren, Diplomatie und gewaltfreie Alternativen ausbauen

In Kriegen geschehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Reaktionen von Regierungsvertreter*innen auf Kriegshandlungen müssen auch in Notlagen friedensorientierte Perspektiven aufzeigen. Diplomatie und andere Ansätze Ziviler Konfliktbearbeitung sind aufrechtzuerhalten und so rasch wie möglich auszubauen. Militärische Einsätze und militärische Unterstützung dürfen nicht zum Normalfall werden. Angesichts kriegerischer Gewalt gilt es friedenslogisches Denken zu fördern und gewaltfreie Alternativen stärker sichtbar zu machen.

Der historische Zeitpunkt, der als Beginn für die Auseinandersetzung mit einem Konflikt gewählt wird, ist entscheidend dafür, welche Perspektiven und Themen im Fokus stehen. Der friedenspädagogisch ausgerichteten Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg sollte Raum geben werden, ohne Zwang zur Positionierung. In solchen Dialogräumen dürfen Opfer- und Betroffenenperspektiven nicht gegeneinander ausgespielt werden. Jede Diskriminierungsform hat ihre eigene Geschichte und eine wiegt nicht mehr als die andere. Für Friedensförderung ist ein nachhaltiger Ansatz notwendig, in dem möglichst viele Perspektiven gehört und Dialogräume inklusiv gestaltet werden.

7. Dialoge organisieren und Gemeinsamkeiten suchen

Genauso wie Gespräche und Verhandlungen als Mittel der Diplomatie auf Regierungsebene unverzichtbar sind, schaffen Dialoge innerhalb und zwischen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen gegenseitige Akzeptanz und zeigen Wege aus der Gewalt auf. Regelwerke für das gewaltfreie Zusammenleben können nur gemeinsam und nicht gegeneinander entwickelt werden. Wir sollten uns darauf fokussieren, was Menschen miteinander verbindet und was zukünftig sozialen Zusammenhalt schafft. Dabei sollten Dialoge sensibel und würdevoll gestaltet werden, indem Grundbedürfnisse wie Sicherheit, Anerkennung und Würde geachtet werden.

8. Wertorientierung sichtbar machen und Dilemmata erkennen

Für die Friedenspädagogik sind die Werte “Gewaltfreiheit” und “Frieden” grundlegend für Fühlen, Denken und Handeln. Die Konfrontation mit Gewalt und Krieg zwingt dabei immer wieder zur Selbstreflexion und führt zu schwerwiegenden Dilemmata. Wir sollten individuelle Zweifel und Gewissenskonflikte offenlegen und uns darüber austauschen, um unsere Authentizität und Glaubwürdigkeit zu erhöhen und neue Perspektiven zu eröffnen. Es gehört zum Anspruch der Friedenspädagogik, widersprüchliche Zusammenhänge zwischen persönlichen Haltungen und der Bewertung politischer Entscheidungen herzustellen und bewusst zu machen. Dazu gehören Abwägungsprozesse, zum Beispiel zwischen dem Wert Gewaltfreiheit und dem Recht auf Selbstverteidigung – persönlich wie politisch.

9. Frieden vorbereiten und gewaltfreie Handlungsansätze entwickeln

Wenn Menschen aktuell von Krieg und Gewalt betroffen sind, fällt es schwer über Wege zum Frieden nachzudenken. Es kann aber auch Mut machen und Kräfte freisetzen. Wie soll ein Zusammenleben nach einem formalen Kriegsende gestaltet werden? Dabei geht es sowohl um die Aufnahme von geflüchteten Menschen, die in Deutschland ankommen, als auch um das Aufrechterhalten der Beziehungen zur Zivilgesellschaft und das Leben im (ehemaligen) Kriegsgebiet. Es geht auch um die friedensorientierte Reform internationaler Ordnungsstrukturen oder um die Gestaltung einer neuen regionalen Sicherheits- und Friedensarchitektur zwischen den Staaten. Die Ansätze Ziviler Konfliktbearbeitung auf (zivil-)gesellschaftlicher, nationaler und internationaler Ebene müssen überdacht und neu ausgerichtet werden. Ziele dabei sind Vertrauen herzustellen, menschliche Sicherheit zu gewährleisten und Friedensprozesse weiterzuentwickeln. Friedliches Handeln kann auch im eigenen Umfeld gestärkt werden, denn: Frieden beginnt im Kleinen und jede*r kann einen Beitrag zu Frieden im eigenen Umfeld (sei es in der Klasse, zu Hause oder im Verein) leisten.

10. Unsicherheiten erkennen, Widersprüche aushalten und sich selbst schützen

Friedenspädagogik setzt auf gemeinsame und offene Lernprozesse, gerade bei der Suche nach einem persönlichen Standpunkt in komplexen, volatilen Situationen. Authentizität schafft Vertrauen, vor allem gegenüber Zielgruppen wie Schüler*innen und Jugendlichen. Niemand sollte sich unter Druck setzen, auf alle anstehenden Fragen eine oder gar die richtige Antwort zu haben, die es insbesondere in Dilemmasituationen nicht gibt. Die direkte oder medial vermittelte Konfrontation mit Gewalt trifft uns physisch, psychisch und emotional und erfordert klares Setzen von Grenzen sowie aktive Selbstfürsorge und Selbstschutz. Es ist nachhaltiger, gezielt Anspannung und Stress abzubauen, Ablenkung zu suchen oder sich eine Auszeit vom Engagement einzuräumen, als erschöpft durchhalten zu wollen. Für einen nachhaltigen Selbstschutz kann es auch hilfreich sein, die eigene Selbstfürsorge im eigenen Medienkonsum zu beachten, um nicht im Sog von Nachrichten das eigene Wohlbefinden aus dem Blick zu verlieren.

11. Friedensvorbereitung und Klimaschutz zusammendenken

Friedensförderung muss andere Krisen, die kurz-, mittel- oder langfristig Frieden gefährden, mitdenken, wie zum Beispiel die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise. Wenn wir nicht nur ein intragenerationales Gerechtigkeitsverständnis, das die derzeit lebende Generation in den Blick nimmt, einbeziehen, sondern die kommenden Generationen mitdenken, hat der C02-Ausstoß von Kriegen weitgehenden Folgen. Hiervon werden insbesondere zukünftige Generationen betroffen sein. Deshalb ist auch Klimagerechtigkeit ein wichtiger Bestandteil von Friedensbildung.

Beitragsfoto: Christian Wiediger auf unsplash