Unternehmertum für alle?
Chancengerechtigkeit in Deutschland
Der Traum von der eigenen Selbstständigkeit ist für viele Menschen in Deutschland ein erstrebenswertes Ziel. Doch wie stehen die Chancen, Unternehmer oder Unternehmerin zu werden? Es offenbart sich eine deutliche Chancenungleichheit, die bereits in der schulischen Bildung beginnt und sich bis zur Gründung eines eigenen Unternehmens fortsetzt. Dieser Beitrag beleuchtet die Herausforderungen, zeigt die Ungleichheiten auf und skizziert Lösungsansätze für eine chancengerechtere Zukunft.
Wenn wir die Gründungsquote in Deutschland mit dem Rest der Welt vergleichen, dann ist der Rangplatz unter den einkommensstarken Ländern im unteren Mittelfeld (Global Entrepreneurship Monitor 2023). Und das obwohl laut einer repräsentativen Umfrage von TransferWise (2019) 64 Prozent der 16 bis 25-Jährigen die Gründung eines eigenen Unternehmens ansprechend finden.

Warum wird in Deutschland trotzdem so wenig gegründet? Viele Gründe können einem den Schritt zur Gründung erschweren. Einer der Hauptgründe ist die soziale Herkunft und die damit einhergehenden Herausforderungen.
Die Ergebnisse des „Chancenmonitors 2023“ unterstreichen die ungleichen Bildungschancen je nach sozialer Herkunft in Deutschland: Nur 21,1 Prozent der Kinder aus Haushalten ohne Abitur und mit einem Haushaltsnettoeinkommen unter 2600 Euro besuchen ein Gymnasium. Im Gegensatz dazu erreichen 80,3 Prozent der Kinder aus Haushalten mit Abitur und einem Haushaltsnettoeinkommen von über 5500 Euro das Gymnasium. Außerdem sehen sich Schulen in sozial schwächeren Gebieten mit begrenzten finanziellen Mitteln, qualifiziertem Lehrpersonal und eingeschränktem Zugang zu Ressourcen konfrontiert.
Der soziale Einfluss prägt also nicht nur maßgeblich den Bildungsweg der Kinder und erschwert den Zugang zu weiterführenden Entwicklungsangeboten, sondern schränkt Schüler:innen auch bei der Entfaltung ihrer unternehmerischen Potenziale ein.
Um Chancengerechtigkeit in der Bildung auf dem Weg zum Unternehmertum zu fördern, bedarf es Veränderungen. Es fängt bereits mit dem Zugang zu kostenfreien Nachhilfeprogrammen an und reicht bis zu flächendeckenden Mentoringprogrammen. Solche Angebote können dazu beitragen, individuelle Stärken und Talente zu entdecken und zu fördern. Sie ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, ihre Fähigkeiten bestmöglich zu entwickeln und ihre Bildungschancen zu verbessern.
Außerdem spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle. Oftmals haben Kinder aus bildungsfernen Familien ein begrenztes familiäres und soziales Umfeld, das sie unterstützt und auf dem unternehmerischen Weg als Vorbild agieren kann. Um schon früh das Umfeld aufzubauen und zu entwickeln, können die Kinder beispielsweise an entsprechenden Schul-AGs (z.B. Gründer:innen AG) teilnehmen, an Businessplan-Wettbewerben mitmachen oder sich in Vereinen für Unternehmertum (z.B. Startup Teens) engagieren. Ihnen werden dadurch neue Möglichkeiten eröffnet und der Zugang zu wichtigen Ressourcen erleichtert.

Um die Chancengerechtigkeit nachhaltig zu fördern, sind weitere Schritte erforderlich. Deutschland muss mehr in Bildung investieren und zusätzlich sicherstellen, dass unternehmerische Bildung für alle zugänglich ist. Schulen sollten vermehrt praxisorientierte Lehrinhalte in ihre Curricula integrieren, Partnerschaften mit lokalen Unternehmen eingehen und Schüler:innen ermöglichen, echte unternehmerische Herausforderungen zu erleben.
Es ist wichtig, dass Bildungspolitiker:innen, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und die gesamte Gesellschaft an einem Strang ziehen, um die Chancengerechtigkeit in der Bildung zu verbessern.
Fazit: Unternehmertum für alle? Chancengerechtigkeit im Unternehmertum ist nicht nur eine Frage der individuellen Fähigkeiten, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Die bisherigen Ungleichheiten im Bildungssystem und beim Zugang zu finanziellen Ressourcen müssen überwunden werden. Nur durch strukturelle Veränderungen und eine umfassende Förderung von Unternehmertum an Schulen können wir sicherstellen, dass jede Person in Deutschland die gleiche Chance hat, ihre unternehmerischen Potenziale zu entfalten. Nur so wird aus dem Traum vom eigenen Unternehmen eine realistische Möglichkeit für alle.
Beitragsfoto: Tumisu auf pixabay
Die Autorinnen
Stephanie Weiss hat bis Oktober 2023 als Managerin für Partnerschaften und Kooperationen bei Startup Teens Jugendliche auf dem Weg zur Gründung unterstützt. Seit einigen Jahren ist sie in der Startup Szene und war nicht nur beim Aufbau von Startups dabei, sondern hat auch die Entrepreneurship Initiative START in Berlin geleitet. Mittlerweile gründet sie selbst ihr eigenes Unternehmen und teilt ihren Alltag als Gründerin der GenZ auf Social Media.
Corinna Tappe ist in der Geschäftsleitung bei Startup Teens, einer Initiative für unternehmerisches Denken und Handeln von Jugendlichen. Sie steht außerdem für Chancengleichheit, Female Empowerment und Leadership. Mit ihrer Personal Brand trägt sie die Themen primär über LinkedIn nach Außen.
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