Nichts gegen Muggel
Toleranz und Vorurteil bedingen sich – wenn man beide Seiten dieses Prozesses aushalten kann, ist er gemeistert , solange man nicht zwei Städte aushalten muss!
Jeder kehre vor der eigenen Haustür, heißt es im Sprichwort. Bestimmt stammt das von einem Schwaben (oder eine Schwäbin), der personifizierten Kehrwoche. Tatsächlich meint die Redensart, mit den eigenen Schwächen buchstäblich im Reinen zu sein, ehe man über andere lästert. Hiermit breche ich ein journalistisches Tabu und nehme die Pointe vorweg: Meine Vorurteile bekommt ihr nicht! Durch sie funktioniert Toleranz überhaupt erst.

Wir Villinger sind Zauberer, Schwenninger sind Muggel. Mit den Narrativen meiner reinblütigen Familie wurde ich schon früh bestens vorbereitet. Ich konnte alle Schwenninger mit Expelliarmus-Taktik entwaffnen. Nichts gegen Schlammblut Hermine, aber ich hatte nicht nur den besseren Spruch, sondern den besten auf Lager; mit einer Ausnahme: Patrick! Der hat einen Patronus-Hybriden aus badischem Greif und Württembergs Hirsch, heraldisch betrachtet.
Villingen-Schwenningen liegt im Schwarzwald. Ich bin dort aufgewachsen. Acht Kilometer hinter meiner Haustür war Schluss mit lustig. Dort verlief die Landesgrenze zwischen Baden und Württemberg. Wen juckt’s, solange man wie ich auf der richtigen Seite groß wurde, in Villingen. Es entbehrte jeglicher Logik, dass Politiker und Verwaltungswissenschaftler im Jahr 1972 auf der Suche nach einem regionalen Oberzentrum ausgerechnet das badische Kleinod mit dem schwäbischen Schwenningen administrativ verschmolzen. Wenn schon nicht den Behörden war zumindest allen in Villingen und Schwenningen glasklar, dass die arrangierte Ehe kein Happy End haben würde; nicht mal eine gemeinsame Telefonvorwahl. So wie die Grenze im Wald zwischen Baden und Württemberg bestehen blieb, führte kein Weg vom einen in den anderen Stadtbezirk; sah man von der einen Busverbindung ab, von der ich mich bis heute frage wer sie genutzt hat (außer Patrick, um aus Schwenningen wegzukommen). Möglich, dass Schwenningen als pietistisch-fleißiger Dienstleistungs- und Hochschulstandort vom Hörensagen attraktiv wirkte. Kein Vergleich ist das mit der Anzahl Gäste, die Villingen jedes Jahr anzieht mit seinem mittelalterlichen Stadtbild samt einer Klosterkirche, deren Konzert-Akustik zu den besten Europas gehört und die nebenbei Gründungsort der Universität Freiburg war. Schon die Kelten wussten zu priorisieren und bestatteten ihren Fürsten in Villingen. Später haben sich die Zähringer in diese Tradition gestellt und vor 1025 Jahren der Stadt das Markt-, Münz- und Zollrecht verliehen. Schwenningen hatte jahrhundertelang niemand auf dem Zettel, weder die Schweden noch Napoleon. Die scheiterten immer an Villingen. Daher wurde es zur Fusion 1972 gar nicht erst befragt (Schwenningen auch nicht, but who cares).
Dass wir Villinger von uns selbst überzeugt sind und keine Selbstironie können – stimmt nicht. Ich bin Villingerin. Ich kann alles; sogar Hochdeutsch. Stolz und Vorurteil, wie bei Jane Austen, finden hier statt.
Dass Patrick auch alles kann und mit der Selbstironie sogar ein Mü vorne liegt, ist meine Lektion aus der Pendelbewegung zwischen Toleranz und Vorurteil. Patrick ist kein Muggel. Er ist auch nicht der, dessen Name nicht genannt werden darf. Er ist Schwenninger. Er hat vor seiner Haustür gekehrt (für einen Schwaben nicht schwer) und kann darüber lachen, Zweiter zu sein. Ich auch, ich meine es todernst. Wenn nicht, kehre ich wieder. Als Erste. Während die Doppelstadt bis heute nichts Nennenswertes für ihr Wir-Gefühl getan hat, sind wir Freunde geworden, schon seit fast drei Jahrzehnten. Indem wir uns der Grenze gestellt haben, haben wir sie überwunden. Patrick schrieb mir jüngst, er erinnere sich, der einzige Schüler gewesen zu sein, der mit dem Bus morgens nach Villingen aufgebrochen sei. Er wusste die Chance des Schulbesuchs im Badischen zu nutzen – und nahm die Mühe auf sich. Zehn Punkte extra für Gryffindor.
Geblieben ist, dass jeder von uns seinen Vorurteilen nachhängt; ich verlache Schwenninger, er witzelt über Villinger, und dass wir beide inzwischen weggezogen sind, er nach Freiburg (tiefer ins sichere Baden), ich nach Berlin, ändert nichts. Rivalität darf auch sentimental sein, nur nicht so rüberkommen, das verbietet mir mein Stand. Ich bin der Auror. Patrick ist der Hauself, der eine Socke von mir bekommen hat und frei ist. Wir haben es weitergebracht als unsere Heimatstädte. Dafür muss uns Baden-Württemberg früher oder später den Verdienstorden für profilierte Landeskinder verleihen. Fragt sich bloß, in welchem von beiden Rathäusern?!
Text: Dr. Tanja Kasischke
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