Zum Inhalt springen

„Es liegt ein Wert darin, im Gespräch zu bleiben.“ 

Am 6. August 1945 wurde der Welt erstmals vorgeführt, wie die schrecklichen Folgen eines Atombombenangriffs aussehen. In Hiroshima starben vor 80 Jahren innerhalb weniger Minuten über 70.000 Menschen. Die Autorin und Aktivistin Shaw Kuzki hält in ihrem Jugendbuch „Die weiße Laterne“ die Erinnerung daran am Leben. Im Interview erklärt sie, warum das heute wieder so wichtig ist.

Trotz Sommerferien einen Tag lang die Schulbank drücken? Japanische Schüler machen das. Sie gedenken dann einer schmerzhaften Zäsur in der jüngsten Geschichte ihres Landes. Am 6. August 1945, vor 80 Jahren, werfen US-Streitkräfte eine Atombombe über der Stadt Hiroshima ab, um Japan zur Kapitulation zu zwingen. Es ist die Endphase des Zweiten Weltkriegs, Hiroshima wichtigster militärischer Stützpunkt Ostasiens. „Der große Blitz“, wie die Japaner die Katastrophe bezeichnen, tötet in Minuten 70.000 Menschen. Sie verbrennen bei lebendigem Leib. Drei Tage später wiederholt sich das Ereignis im benachbarten Nagasaki und fordert weitere 22.000 Tote. In Europa ist das Datum wiewohl weniger präsent, der Zweite Weltkrieg endet hier am 8. Mai 1945. Im selben Europa sind gegenwärtig atomare Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit Themen angesichts der Konflikte in der Ukraine und dem Nahen Osten. Eine gefährliche Tendenz, sagt die Autorin und Aktivistin Shaw Kuzki. Ein atomarer Angriff dürfe sich nirgends wiederholen. Kuzki, die 1957, zwölf Jahre nach Hiroshima geboren ist, engagiert sich für Frieden. Sie spricht vor Schulklassen in ihrer Heimat Japan, um die junge Generation für Versöhnung zu begeistern. 

Shaw Kuzki setzt sich mit ihrem Werk „Die weiße Laterne“ für die Erinnerung an den Atombombenabwurf über Hiroshima ein.

Frau Kuzki, wie erleben Sie persönlich das Gedenken an den Atombombenabwurf auf Hiroshima vor 80 Jahren? Wie geht Ihre Familie damit um?

Shaw Kuzki: Morgens um 8.15 Uhr (Anm. d. Red. dem Zeitpunkt, als die Bombe fiel) heulen in der gesamten Stadt die Sirenen. Die Menschen legen eine Schweigeminute ein. Wir halten inne und beten für die Opfer. Obwohl der Gedenktag in die Sommerferien fällt, sind die Schulen geöffnet. Die Kinder gehen hin zum Gedächtnis. Die Peace Memorial Ceremony im Friedenspark von Hiroshima wird landesweit im Fernsehen und Radio übertragen. Menschen beten an den Bildschirmen mit. Meine Familie und ich beten auch. Wie sehen uns die Übertragung an. 

Gedenken Ihre Kinder anders als sie es bei Ihnen oder den Großeltern erlebten, weil sie Nachgeborene sind?

Shaw Kuzki: Nein, genauso. Ich gebe ihnen weiter, was mir weitergegeben wurde. Mit einem Unterschied: Meine Mutter und die Verwandten, die den Atombombenabwurf überlebten, gehen direkt zum Friedenspark, einer zwölf Hektar großen Grünanlage mit einem Erinnerungsort, wo sich viele Angehörige einfinden. Sie sagen, es sei ihnen lieber, die Seelen der Getöteten hier in Stille zu trösten. 

Für die Menschen in Europa ist das Gedenken an die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und seiner Opfer auf den Holocaust konzentriert. Ist das in Japan ein Thema oder liegt der Fokus dort auf Hiroshima? 

Shaw Kuzki: Ich würde sagen, ja. Hiroshima war die weltweit erste Stadt, die Opfer eines Atombombenangriffs wurde. Das ist die Zäsur, ihr gilt unsere Aufmerksamkeit in Japan. 

Sie haben ein Jugendbuch veröffentlicht, das diese Zäsur aufgreift. Was motiviert Sie, sich aktiv für die Erinnerungskultur einzusetzen? 

Shaw Kuzki: Einmal die Tatsache, dass ich eine Überlebende in zweiter Generation bin. Dann die vielen Augenzeugenberichte, die in meiner Familie erzählt oder von Freunden weitergegeben wurden, die entweder Überlebende des Atombombenabwurfs waren oder deren Nachkommen sind. Ich habe begonnen darüber zu schreiben, zum einen um die Erinnerungen an Hiroshima zu bewahren, zum anderen, weil mich die gegenwärtige Weltlage umtreibt. Man kann von Krise sprechen. Allein dass die Vorstellung existiert, dass nukleare Waffen noch einmal zum Einsatz kommen könnten, ist nicht hinnehmbar. 

Wenn Sie auf Politiker zugehen könnten und ihnen eine Passage Ihres Buches vorlesen, um der Forderung nach diplomatischen Bemühungen Ausdruck zu verleihen, welche wäre das? 

Shaw Kuzki: Kapitel 10. Es beschreibt die unvorstellbare Zerstörung der Stadt durch die Atombombe. Eine junge Lehrerin und ihre Klasse verbrennen auf der Stelle, die Angehörigen finden ihre Schädel in einem Kreis zusammenliegend, als stünden die Kinder noch an Ort und Stelle und hörten ihrer Lehrerin zu. 

Wie reagiert die junge Zielgruppe auf das Buch? 

Shaw Kuzki: Es war bemerkenswert, wie identisch die Leseeindrücke Jugendlicher in Japan und in den USA, wo das Buch in englischer Übersetzung erschienen ist, waren. Besonders intensiv kommentierten sie die Passagen der zerstörten Stadt und des Leids der Überlebenden. Häufig las ich Sätze wie: „Das habe ich so nicht gewusst“ oder „wir haben das nie so gelernt“. Es liegt ein Wert darin, im Gespräch zu bleiben. Ich bin gespannt auf die Rückmeldungen zur deutschen Übersetzung. 

80 Jahre liegt das Ereignis zurück. Die Zahl der Zeitzeugen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki nimmt ab. Wie wird sich das Gedenken entwickeln, wenn ihre Generation verschwunden ist? 

Shah Kuzki: Das ist eine ernstzunehmende Frage. Hiroshima hat ein Programm aufgelegt, das Schülerinnen und Schüler ermutigt, durch die Bearbeitung von Augenzeugenberichten ihre eigene Form der Erinnerungskultur zu schaffen. Daneben werden Quellen von damals erfasst und konserviert. Künftig wird es mehr um persönliche Reflektion gehen als um das historische Ereignis. Das höre ich auch von denen, die mein Buch lesen. 

Interview: Dr. Tanja Kasischke

Fotos: Baobab Books / Beitragsbild: WikiCommons


Info: In deutscher Übersetzung heißt Shaw Kuzkis Buch „Die weiße Laterne“. Der Titel bezieht sich auf den abendlichen Abschluss des Gedenkens zum Jahrestag des Atombombenabwurfs, wenn die Menschen Papierlaternen aufs Wasser setzen. Hiroshima ist von sechs Flüssen durchzogen. Auf den Laternen stehen die Namen derer, die vor 80 Jahren ihr Leben verloren haben. Die Geschichte der weißen Laterne erzählt die zwölfjährige Protagonistin Nozomi, die sich fragt, warum die Laterne ihrer Mutter keinen Namen trägt. Ihr Freund Shun löst derweil das Rätsel um die Bilder des Kunstlehrers, der Jahr für Jahr dieselbe Sicht auf den Schulhof malt; in wechselnden Stimmungen und Jahreszeiten – aber ohne Menschen. Beide formulieren daraus ihre persönliche Sicht auf die Ereignisse. Im Original („Hikari no utsushie“) hat das Buch einen augenfälligen Untertitel: Im Japanischen gibt es drei Bezeichnungen für Hiroshima. Die erste meint die Stadt vor dem Atombombenabwurf. Die zweite bezieht sich auf Hiroshima am Datum des 6. August 1945. Die dritte spricht von Hiroshima, das es jetzt ist.

„Die weiße Laterne“, aus dem Japanischen von Sabine Mangold, ist bei Baobab Books Basel als gebundene Ausgabe erschienen, 136 Seiten, 22 Euro.