Gerechtigkeit vermitteln ist auch eine Generationenaufgabe
Mitglieder des WerteJahre-Teams beschreiben ihre subjektiven Gründe, für das Thema einzutreten.
Noch vor einigen Jahren hätte ich gedacht „oh nein, schon wieder jemand, der mit Kindern anfängt …“. Aber heute kann ich auf das Thema „Gerechtigkeit“ nur schauen, wenn ich auf meine Enkelkinder sehe. Denn egal, was ich über Gerechtigkeit lese oder rückblickend zu verstehen versuche – es läuft immer auf diese Kinder raus, die das Leben noch vor sich haben.

Es ist einfach, ungerecht zu sein – viel schwieriger ist es, gerecht zu sein. Eigentlich immer. Wenn ich rückblickend auf Menschen schaue, die mich wirklich oder vermeintlich ungerecht behandelt haben, dann waren das ganz oft in ihrem Sozialverhalten schlicht gestrickte Figuren oder Leute, die in bestimmten Situationen nicht den Nerv hatten, nach einer gerechten Lösung zu suchen. Es waren ausgewiesene Egozentriker, selbsternannte Alpha-Typen oder Menschen, denen Gerechtigkeit nicht so wichtig war wie der eigene Vorteil.
Und ja, natürlich habe ich selbst unzählige Male ungerecht gehandelt – und kann mich rückblickend nicht arg viel besser finden als einige der oben genannten Menschen. Keine Entschuldigung kann manches wett machen, was man im Leben und im Alltag versemmelt. Deshalb: Kein Schwamm drüber sondern der Versuch, es immer wieder besser zu machen.
Das Schöne an diesem Versuch ist die Nähe zum Alltagsleben. Ich kann ja nicht versuchen, die Welt oder die Justiz oder das internationale Wirtschaftsverhalten gerechter zu gestalten, Kriege zu beenden, Folter abzuschaffen oder den Reichtum der Menschheit umzuschichten. Es geht nur im Kleinen. Im Job, im Umgang mit Menschen – und eben in der Familie.
Womit ich wieder bei meinen Enkelkindern bin. Ein Blick in die Welt zeigt, dass sie mit den dramatischen Folgen des Klimawandels werden umgehen müssen. Ich kann ihnen also nur mit möglichst gutem eigenem Vorbild vorangehen und sie an den vorsichtigen Umgang mit den bestehenden Ressourcen mahnen. Ob’s gelingt bei all dem Überfluss um uns herum, steht in den Sternen.
Gerechtigkeit geht bei der gerechten Verteilung von Zeit und Zuneigung weiter. Wie erkläre ich einem sechsjährigen die Ursachen für Krieg und Gewalt? Wie erkläre ich, warum ein von der Welt entfremdeter 75jähriger Mann eine zig-Millionen-Euro teure Krone auf den Kopf gesetzt bekommt, während vor unserem Supermarkt ein anderer alter Mann um Spenden betteln muss? Es gibt Ungerechtigkeiten, die kann man nicht erklären. Es muss in den meisten Fällen beim guten Vorbild bleiben und beim möglichst gerechten Handeln.
Gerechtigkeit und leider auch Ungerechtigkeit werden meine Enkel noch oft genug am eigenen Leib erfahren. Sie werden die Ungerechtigkeit schnell erkennen und die Gerechtigkeit – wenn überhaupt – als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Erst das Fehlen von Gerechtigkeit zeigt ja oft ihren Verlust und ihren unschätzbaren Wert. Gerechtigkeit erkämpfen ist schwieriger als ungerecht zu handeln. Deshalb tun sich Despoten auch so leicht, und deshalb sind die wirklich Gerechten so selten. Es dauert lange, das zu durchschauen – und ist damit eine der vielen Aufgaben im Umgang mit Kindern.
Und auch die Gesellschaft muss immer wieder neu lernen, für Gerechtigkeit einzutreten und Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Unser WerteJahr Gerechtigkeit soll ein Beitrag dazu sein.
Jörg Wild
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