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Denn Wissen schafft Gerechtigkeit

SÜDWIND e.V. kämpft für gerechtere Bedingungen des weltweiten Wirtschaftens

Eine Arbeiterin in einer indonesischen Schuhfabrik ist erschöpft. Aufgrund der hoch angesetzten Produktionsziele und dem damit verbundenen Gruppenzwang, diese gemeinsam zu erfüllen, nimmt sie die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen oft nicht wahr. Sie verzichtet auf Trinken oder den Toilettengang. Unter ständiger Müdigkeit passieren ihr Arbeitsunfälle leichter. Die Schuhe näht die Arbeiterin für europäische Modemarken, die wir in den Schuhgeschäften unserer Innenstädte finden.

Ein Kakaobauer bewirtschaftet eine Kakaoplantage von wenigen Hektar in Ghana. Das Einkommen, das er durch den Verkauf der Kakaobohnen erzielt, reicht hinten und vorne nicht zum Leben für seine Familie. Den Lohn für erwachsene Erntehelfer kann er sich nicht leisten. Also arbeiten seine Kinder mit in der Kakaoernte, tragen schwere Säcke, fürchten Schlangenbisse und schmerzhafte Kratzer. Ihre Schulbildung leidet. Über Zwischenhändler und Exporteure gelangt der Kakao zu großen Kakaoverarbeitern. Aus Kakaomasse und Kakaobutter stellen bekannte Schokoladenfirmen dann Schokotafeln und -riegel her, die in unseren Supermärkten liegen und unsere Naschlust wecken.

Öffentlichkeitsarbeit hilft, Verständnis für ungerechte Strukturen im Welthandel zu schaffen.
Foto: Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW

Die Partner von SÜDWIND im Ausland berichten immer wieder von erschütternden Lebens- und Arbeitssituationen. Arbeiter*innen, mit denen wir über die Lieferketten unserer Alltagsprodukte verbunden sind, werden in ihren Menschenrechten verletzt. Ihnen wird die Möglichkeit genommen, ein gesundes Leben zu führen oder ihre Fähigkeiten voll zu entwickeln und auszuüben. Sie werden für Rohstoffabbau von ihrem Land vertrieben oder durch Umweltzerstörung ihrer Lebensgrundlage beraubt. Sie werden als arbeitende Kinder an Schulbildung und Spiel gehindert oder sind durch extrem niedrige Löhnen von ständigen Sorgen um die Ernährung der Familie geplagt. Sie werden bedroht, wenn sie sich gewerkschaftlich engagieren und für bessere Bedingungen kämpfen wollen.

Die Ursachen dieses Unrechts sind vielfältig und strukturell. Die Menschenrechtsverstöße sind keine Ausnahmen, sondern haben unter den aktuellen Bedingungen unseres globalen Wirtschaftens System. In der Regel lässt sich nicht ein einzelner, allein verantwortlicher Akteur ausmachen, der vorsätzlich unrechtmäßig handelt. Der Verbraucherin fällt es schwer, zu beurteilen, welche Schokolade unter faireren Bedingungen hergestellt wurde. Der Einkäufer im Schuhunternehmen hat unter Bedingungen eines harten Preiskampfs in der Branche die Vorgabe, möglichst niedrige Stückpreise auszuhandeln. In vielen Fällen erschweren verkrustete Machtverhältnisse, Korruption, die langjährige Unterdrückung von Gewerkschaften und Zivilgesellschaft oder auch Angst vor einer möglichen Abwanderung von Industrien den Kampf für einen besseren Schutz der Menschenrechte in den Produktionsländern selbst. SÜDWIND ist überzeugt: Wir müssen genau hinschauen, wo wirtschaftliches Unrecht herrscht, und wir müssen die strukturellen Ursachen von Ungerechtigkeit verstehen. Als Gesellschaft tragen wir Verantwortung, durch gemeinsames politisches Handeln zu einer gerechteren Weltwirtschaft beizutragen.

Es braucht Veränderung in den Produktionsländern selbst, aber auch hier, wo global agierende Unternehmen sitzen, die mit ihren Einkaufspraxen und Geschäftsmodellen Bedingungen des Wirtschaftens prägen. Ein wichtiger Hebel zur Veränderung sind für uns gesetzliche Bestimmungen, die Unternehmen verpflichten, Menschenrechte und Umweltstandards in ihren Wertschöpfungsketten zu achten. Sie ermöglichen, dass Unternehmen, die Zeit und Ressourcen in die Verbesserung innerhalb ihrer Lieferketten investieren, nicht im Wettbewerbsnachteil sind.

Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, für das wir uns in einem breiten Bündnis mit anderen Organisationen sehr engagiert haben, ist ein wichtiger erster Schritt. Doch als politischer Kompromiss hat das Gesetz noch zahlreiche Schwächen. Daher engagieren wir uns derzeit für eine stärkere, europäische Regulierung, die durch zivilrechtliche Klagemöglichkeiten endlich auch mehr Gerechtigkeit für Betroffene schafft. Ein verbindliches UN-Abkommen zu Wirtschaft und Menschenrechten wird bereits seit 2014 auf globaler Ebene verhandelt. Europa muss dringend ein Verhandlungsmandat beschließen, um auf Augenhöhe mit Ländern aus aller Welt darüber zu verhandeln, wie wir Menschenrechte im globalen Wirtschaftssystem besser schützen und grenzüberschreitende Klagen von Betroffenen erleichtern können.

Mit unseren Studien, Factsheets oder Policy Papers versuchen wir Strukturen von Ungerechtigkeit zu beschreiben und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen – getreu der Maxime „Wissen schafft Gerechtigkeit“. In Bündniskampagnen schaffen wir Öffentlichkeit und suchen den politischen Dialog. Der Einsatz für gerechtere Bedingungen des Wirtschaftens ist dabei immer wieder von Hürden, von widerstreitenden Interessen und auch von komplizierten Zusammenhängen geprägt. Aber wir erleben auch einen großen Zusammenhalt von zivilgesellschaftlichen Organisationen, kirchlichen Akteuren und Gewerkschaften. Unterstützung finden sie in der Wissenschaft und bei progressiven Akteuren aus Wirtschaft und Politik – und schließlich auch bei Journalist*innen, die durch fundierte und differenzierte Berichterstattung zu einer informierten Öffentlichkeit beitragen. Das macht uns Mut!

Text: Eva-Maria Reinwald

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