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Gerechtigkeit in der Schule

Zu wenig Platz, zu viele Kinder in der Klasse und überforderte Lehrer – Gerechtigkeit braucht auch strukturelle Voraussetzungen

Fallen die Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Schule“ in einem Satz, könnten viele Themen gemeint sein. Die weiterhin ungleiche Bezahlung unter den Lehrkräften – je nachdem, welche Schulart sie unterrichten, die nicht objektiven Zensuren, die Lehrkräfte teilweise verteilen oder die faktisch nicht stattfindende Chancengleichheit.

Foto: Kenny Eliason auf unsplash

Der Leitgedanke – alle Kinder unserer Gesellschaft erhalten unabhängig ihres sozioökonomischen Hintergrunds eine qualitativ hochwertige Schulausbildung – ist leider auch im Jahr 2023 weiterhin Wunschdenken.

Klassengrößen mit bis zu 28 Kindern sind in urbanen Räumen der Regelfall. Warum dies in vielerlei Hinsicht höchstproblematisch ist, lässt sich leicht aufzeigen: Man stelle sich ein Großraumbüro von etwa 65 qm2 vor, indem gleichzeitig 28 Erwachsene arbeiten sollen.

Auf den etwa zwei qm, die jedem zustehen würden – eine halbe Tischtennisplatte – müssten neben dem Schreibtisch und dem Rucksack auch alle Arbeitsmaterialien untergebracht sein – von der Lautstärke und den Ablenkungen die dort herrschen würden mal ganz abgesehen. Würde man von Erwachsenen erwarten in einem solchen Arbeitsumfeld bis zu sieben Stunden konzentriert zu arbeiten? Wohl kaum. Lernen braucht Platz! Gerade ältere Schulgebäude haben nicht mal die als Richtwert festgelegten zwei qm pro Kind. Allein aus Platzgründen sind große Klassen also schwierig.

Ebenso wie die Gesellschaft, wandelt sich auch die Schülerschaft. Inklusion, Migration und viele andere Themen enden nicht an der Klassentür.

Jedes Kind hat das Recht auf dem jeweiligen Wissenstand abgeholt und bestmöglich gefördert werden. Bei 28 Kindern ist das für die Lehrkraft unmöglich. Sowohl schwache als auch starke Schülerinnen und Schüler erhalten – häufig zur Frustration der Lehrkraft – nicht die notwendige Aufmerksamkeit und können so ihr Potential nicht vollständig abrufen.

Dass es auch anders geht, habe ich selbst erleben können. Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich an verschiedenen Deutschen Auslandsschulen. Auch dort variieren die Klassengrößen, bewegen sich aber in der Grundschule diesseits der 23. An meiner aktuellen Schule in Boston unterrichte ich eine 1. Klasse. Mit 16 Schülerinnen und Schülern hat meine Klasse die Maximalgröße erreicht.

Zusätzlich erhalte ich mehrere Stunden die Woche Unterstützung durch eine ausgebildete Lehrkraft, die je nach Bedarf Teamteaching, Einzelförderung oder Kleingruppenförderung übernimmt. Da auch in Auslandsschulen der Anteil der nicht Deutsch muttersprachlichen Kinder groß ist und auch dort inklusiv unterrichtet wird, stehen je nach Situation DaF (Deutsch als Fremdsprache)- und Förderlehrkräfte zur Seite, die die Kinder ebenfalls unterstützen.

Lotte Ewald

Die finanzielle Ausgangslage und der Personalschlüssel einer Auslandschule ist sicherlich nicht mit einer deutschen Regelschule zu vergleichen, zeigt aber auf, wie Schule auch sein kann. Denn letztlich bleiben uns keine anderen „Rohstoffe“ als gut ausgebildete junge Fachkräfte – die unsere Gesellschaft in die Zukunft führen. Wir können es uns daher eigentlich gar nicht leisten weiterhin so wenig Geld ins Bildungssystem zu investieren.

Text: Lotte Ewald