Das PNJ-WerteJahr „Toleranz“
Seid tolerant und sprecht darüber
„Toleranz ist, wenn’s weh tut“, schreibt der Jurist Jan Hedde in einer sehr klugen Begriffsanalyse im Spiegel. Na prima, dann kommt ja was auf uns zu in diesem Jahr. Wir wollen uns zwar nicht weh tun, nehmen aber den Begriff „Toleranz“ genauer unter die Lupe. Willkommen im WerteJahr 2024 des Pressenetzwerks für Jugendthemen.
Streng aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet das Wort „tolerare“ so viel wie „erdulden“ oder „ertragen“. Um sich selbst als tolerant zu titulieren, sollte man aber mehr draufhaben als andere Menschen nur irgendwie zu ertragen. „Tolerant sein heißt, jeden Einzelnen so zu akzeptieren, wie er ist“, ist einer dieser Sätze, über die man bei der Beschäftigung mit Toleranz immer stolpert.
Denn Menschen sind unterschiedlich. Im Aussehen, in ihrer Religion, in ihrer Herkunft und Kultur, in ihrer Meinung und in vielen, vielen Details, die uns so vielfältig und interessant machen. Und weil wir eben nicht alle gleich sind, aber alle ein Recht auf unsere Herkunft, Kultur, Religion und auf unser Aussehen haben, sollten wir alle gleichbehandelt werden.
Akzeptanz des anderen
Genau in diesem Moment kommt die Toleranz ins Spiel: Nicht immer gefällt uns beispielsweise die Einstellung oder die religiöse Interpretation eines Menschen. Wir mögen dessen politische Meinung nicht oder seine Einstellung gegenüber Dingen, die uns wichtig sind. Wir stören uns an Äußerlichkeiten oder am Gehabe. Da ist Toleranz gefragt, die bewusste Auseinandersetzung mit der Akzeptanz des anderen. Denn „Toleranz ist die Nächstenliebe der Intelligenz“, wusste schon der französische Schriftsteller Jules Lemaitre im 19. Jahrhundert.
Es gibt die Toleranz übrigens nicht schon seit Menschengedenken. Sie ist eher ein philosophisches Produkt, das sich im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt hat. Erst seit der Aufklärung kann man wohl von Toleranz im heutigen Sinn sprechen – davor war sie eine Art Duldung. Johann Wolfgang von Goethe erklärte: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“ Davon könnten sich noch heute einige Zeitgenossen eine Scheibe abschneiden. Wobei Toleranz ihrer Definition nach nicht aktiv, sondern eher beobachtend und analysierend ist. Aus der Toleranz allein erwächst nämlich noch keine Tat. Man erkennt ein Phänomen und toleriert es dann bestenfalls – eine religiöse Einstellung, die bunten Haare des Gegenübers oder eine politische Meinung.
„Toleranz ist die Haltung des aufgeklärten, wachen Individuums, das sich selbst im anderen erkennen kann“, erklärt Jan Hedde. „Toleranz ist die Fantasie, dass man auch auf der anderen Seite stehen könnte.“ Oder um es mit den Worten des Schriftstellers Kurt Tucholsky zu sagen: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“
Spätestens hier wird’s schwierig: Was mache ich, wenn ich das Verhalten oder das Denken des Gegenübers nicht tolerieren kann? Wenn es, um bei dem schönen Satz zu bleiben, meine Fantasie übersteigt, auf der anderen Seite sein zu können? Bin ich dann intolerant?
Die Antwort ist wohl: „Kommt drauf an!“ Man muss nicht auf Teufel-komm-raus tolerant sein. Die Toleranz hat auch Grenzen. Wenn Gesetze gebrochen werden oder Gewalt ins Spiel kommt. Wenn Worte des Gegenübers zu Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit führen. Wenn sie im Rahmen der jeweiligen Gesellschaftsphilosophie nicht mehr tolerierbar sind.

Paradox
An dieser Stelle lohnt sich auch ein Blick auf das Toleranz-Paradoxon, das der Philosoph Karl Popper erkannt hat: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ Toleranz hat also enorm viel mit Freiheit und mit der Verteidigung von Freiheit zu tun. Wir wollen in diesem WerteJahr aber möglichst nicht über Intoleranz sprechen, auch wenn wir sicher an unsere Grenzen und an die Grenzen der Toleranz stoßen. Wenn sie womöglich „weh tut“. Wir wollen zeigen, wie vielfältig und notwendig Toleranz ist. Wie sich Demokratie entfalten kann, wenn Toleranz statt bloßem Ertragen den Alltag durchdringt. Toleranz ist, wie der große Autor und Philosoph Umberto Eco sagt, „anerzogen und nicht angeboren“. Wir möchten mit dem WerteJahr „Toleranz“ einen Beitrag dazu leisten, dass Toleranz in unserer Gesellschaft besser erkannt und gelebt wird. Und dass sie gerne auch anerzogen wird, wo Erziehung stattfindet. Dafür soll unser WerteJahr viel Inspiration bieten.
Text: Jörg Wild
Beitragsfoto: Bobboz / AdobeStock
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