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Literarische Betrachtung der Toleranz

Interview mit Marlene Streeruwitz zu ihrem Buch „Gedankenspiele über Toleranz“

Im September 2023 erschien von der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz der kleine Band „Gedankenspiele über die Toleranz“. In mehreren Kapiteln setzt sie sich mit dem Begriff und seinen engen Grenzen auseinander. Wir haben die Autorin um ein Interview gebeten.

Marlene Streeruwitz, Foto: Bahoebooks

PNJ: Sie beschäftigen sich ausführlich mit der Frage, ob Public Schools in Großbritannien verboten werden sollen. Zur Erklärung: Das sind private Eliteschulen, die konservative Eliten erziehen sollen. Sie kommen zu dem Schluss, dass diese Eliten immer zur Intoleranz erzogen werden. Ist das so, dass Führungspersönlichkeiten nicht tolerant sein können bzw. dürfen? Warum wohl nicht?

Marlene Streeruwitz: Beschreibt nicht das Wort „Führungspersönlichkeit“ schon alles, was nicht demokratisch an dieser Vorstellung ist. Dazu schlage ich vor, Biographien und vor allem Selbstbiographien von solchen Führungspersönlichkeiten zu lesen und zu diskutieren. Ich las gerade von Ernst Wurmbrand: Ein Leben für Alt-Österreich. In diesem Buch beschreibt der Autor die Erziehung in einer Kadettenanstalt in der k.u.k. Monarchie. Die public schools in England sind nach demselben Prinzip organisiert. Die Militarisierung des kleinen Buben wird über ein ausgeklügeltes System der Erziehung durch die Gruppe und die Erpressung hergestellt, dass diese Erziehung ein Privileg ist. Der kleine Bub wird in eine ausweglose Situation wie in einem Gefängnis gebracht, aus der er nur mit der vollkommenen Unterdrückung seiner Wünsche, seiner Selbstachtung und aller Empathie mit den anderen herauskommt. Es gibt in England mehrere neue Erinnerungsbücher von Absolventen dieser Schulen, die bitter beklagen, wie sie um ihre Empathie auch mit sich selbst gewaltsam gebracht wurden. Es ist die reine Hospitalisierung der Kinder mit allen Folgen für die seelische Gesundheit. Der Autor Wurmbrand stimmt noch ganz in der Hospitalisierung der Erziehung im 19. Jahrhundert mit großer Begeisterung seinen Quälereien zu. Diese Begeisterung über das, was wir heute Missbrauch nennen würden. Diese Begeisterung stiftet Elitenzugehörigkeit. Der Missbrauch an der eigenen Person bindet in die Gruppe ähnlich Missbrauchter, die sich durch diesen Missbrauch privilegiert findet.

PNJ: Nach einem Kirchenbesuch, in dessen Verlauf sie Bilder mit Folterszenen eines Heiligen angeschaut haben, schreiben Sie: „Ich wartete draußen. Ich ließ meine Erziehung zur Intoleranz hinter mir.“ Ist nicht gerade die Kirche der Ort, an dem Toleranz gepredigt werden sollte? Was ist schief gelaufen?

Marlene Streeruwitz: Religionen, die auf ihrer Ausschließlichkeit bestehen, sind nicht tolerant. Das Bild, das in diesem Text geschildert wird, ist ja die Beschreibung der Marter eines christlichen Mannes durch muslimische Männer, die durch Turban gekennzeichnet, den Märtyrer quälen. Das Bild wurde im 15. oder 16. Jahrhundert für christliche Betrachter gemalt. Mit solchen Bildern. Die betrachtende Person muss sich mit der leidenden Person identifizieren und alle Abwehr und Hass gegen die Peiniger richten. Solche Bilder hängen in allen katholischen Kirchen bis heute. Immer sind es Andersgläubige, die die Marter ausüben. Es kann schon sein, dass irgendwann, und dann immer aus politischen Gründen, Toleranz ein Thema war. Die Widersprüchlichkeit des Bilderdiensts zu Aufrufen zur Toleranz erzählt doch davon, dass im Grund die Duldung der anderen Religionen und die Personen darin sehr oberflächlich gepredigt wird. Erst die Anerkennung der anderen Religionen machte solche Duldung glaubwürdig und die Bilder müssten abgehängt werden. Ohne die Trennung der Kirche vom Staat wären wir heute noch in der Situation, vorgeschrieben zu bekommen, was wir glauben sollen oder dürfen. Die Bemühungen etwa der Evangelikalen Christen in den USA zeigen doch, dass es um die Ausschließlichkeit eines richtigen Glaubens geht. Das ist sogar von Toleranz weit entfernt. Von demokratischer Anerkennung der Religionsfreiheit bewegen sich solche Vorgänge weit weg.

PNJ: In Zusammenhang mit den laxen Waffengesetzen in den USA und mit der Massenerschießung an der Sandy-Hook-Schule schreiben Sie: „Der in Unterhaltung und Politik bewirtschaftete, postreligiöse Hass wird in die Wirklichkeit gekippt.“ Hat Religion also doch eine Toleranz-Struktur gegeben? Und tragen Politik und Massenmedien zur Toleranz-Verwahrlosung bei?

Marlene Streeruwitz: Postreligiös beschreibt hier Kultur, die christlich geprägt ist, aber sich nicht mehr in der Mitgliedschaft einer Kirche oder der Teilnahme an Gottesdiensten ausdrückt. Österreich hat eine postkatholische Kultur. 81 % der Bevölkerung bezeichnen sich als katholisch. Es gehen aber nur 6 % der Bevölkerung regelmäßig in einen Gottesdienst. Die Teilnahme am Religionsunterricht wird als selbstverständlich angesehen. Die Prägungen durch den Katholizismus bleiben weitgehend unbearbeitet und wirken unerkannt und unsichtbar weiter. Das beruht auch darauf, dass die Säkularisierung in Öffentlichkeit, Wirtschaft, Militär und Verwaltung erst mit der Gründung der Ersten Republik Österreich 1918 möglich wurde. Bis dahin war die katholische Kirche Staatsreligion und lieferte die Begründung der göttlichen Sendung der Herrscher. Das galt für die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation bis 1806. 1804 bis 1867 für den Kaiser von Österreich. 1867 bis 1918 nannte der Kaiser sich Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Zu allen diesen Zeiten garantierte die katholische Kirche, dass diese Herrschaften von Gottes Gnaden bestimmt waren.
Eine deutschsprechende Person in den österreichischen Monarchien war katholisch. In der Aufklärung wurde der katholischen Kirche die Führung der Schulen übertragen. Die katholische Kirche herrschte über die Privatleben der Personen, wenn der Pfarrer bestimmen konnte, wer wen wann heiraten durfte oder nicht. Die katholische Kirche in Österreich war nie tolerant. Maria Theresia verkaufte noch reichlich protestantische Bauern ins Ausland und siedelte in großem Stil um, um eine einheitlich katholische Bevölkerung herzustellen. Zensur wurde eingesetzt, den katholisch gestützten Staat nicht in Frage zu stellen. Im Grund geht es um die Lenkung der Personen in dem, wie sie sich ihr Leben vorstellen und was sie glauben, was nach dem Tod mit ihnen passieren wird. Diese Grundfragen werden weiterhin religiös bearbeitet und bieten die Grundlage für die Rückkehr in das magische Denken der frühen Neuzeit etwa. Soziale Konflikte werden die Bruchlinien zwischen religiösen Glaubenskonstruktionen entlang ausgetragen. Die Medien ganz allgemein verdienen ihr Geld mit der Bearbeitung der Lebensnot der Personen. Das heißt, sie machen sich die Tatsache zunutze, dass wir alle gerade leben und leben müssen, obwohl wir uns das nicht wünschen konnten. Die Lebensnot wird in den Medien und in der Politik zu jener Ware, mit der der jeweilige Gewinn oder Erfolg eingefahren werden soll. Das Religiöse blieb vielen Vorgängen dieser Art als Basis erhalten.

PNJ: Sie schreiben: „Für kleine Ziele wird die Toleranz ausreichen. Aber. Sie ist ein kleines Instrument und muss jedes Mal neu argumentiert werden. Die Intoleranz dagegen. Die tritt total auf.“ Ist das nicht typisch für den Alltag, dass das Negative stärker erscheint, dass aber die Argumentation für das Gute viel mehr Spaß macht?

Marlene Streeruwitz: Ich habe nicht die Erfahrung, dass die Argumentation für das Gute mehr Spass machte. Es wäre schön, wenn es so wäre. Tatsächlich haben wir wenig Ausdrucksmöglichkeiten schon der Zustimmung zum Guten. Das kommt daher, dass unsere Leben im Kosmos der Pflege beginnen, in dem wir ausdrücken lernen, was gut ist und was nicht. Was friedlich ist und was feindlich. Vielfach drückt sich dieses Gute in Handlungssprachen aus, wenn wir zum Beispiel eine Person tröstend umarmen, weil wir keine Worte finden. Wenn wir dann aber über Schule und Bildung in den Kosmos des Öffentlichen gelangen, in dem wir unser Leben verdienen sollen, dann gilt es die Sprechsprache dort zu benutzen. Die Sprechsprache des Kosmos des Öffentlichen hat sich nie von der Predigt der religiösen Zeiten emanzipiert. Es herrscht eine Zusammensetzung von Fachsprachen und abstrakten Zusammenfassungen der Problemstellungen. Entfremdetes Sprechen ist die Voraussetzung für Teilnahme im Kosmos des Öffentlichen. Die oberflächliche Säkularisierung und der Verlauf der ideologischen Geschichte haben dazu geführt, dass Sinneinheiten wie Glück und Frieden zwar in der Werbung selbstverständliche Voraussetzung sind, um Produkte zu verkaufen, die dorthin angeblich führen. Diese Vernutzung macht es schwierig, solche Sinneinheiten authentisch verwenden zu können. Begriffe wie Nation oder Volk führen sie in die endgültige Entfremdung.

PNJ: Ein weiteres Zitat aus Ihrem Buch: „So lange nicht jeder Person das Lebensrecht zugestanden und abgesichert ist. So lange wird Toleranz die Intoleranz nur überdecken.“ Wie kommen wir aus diesen doch recht deprimierenden Beobachtungen wieder raus? Können wir den Respekt vor der Toleranz wiederbeleben?

Marlene Streeruwitz: Respekt als Achtung des Lebensrechts der anderen Person wäre eigentlich genug. Es reicht nicht, anderen ein Leben zuzugestehen, ohne den vollen Zugang zu allen Ressourcen, auch den kulturellen, freizustellen. Toleranz als Duldung stellt sofort wieder Hierarchien her. Weil wir durch unsere kulturell christlichen Umgangsformen in Geschwisterhierarchie geschult werden. Kain und Abel sind hier das erste Beispiel. In der ganzen langen Geschichte unserer Kulturen ging es immer darum, die richtigeren Kinder dieses vorgestellten Gotts zu sein. Es waren jeweils die Mächtigen, die dann bestimmten, wer da richtig war und wer nicht. Das wiederum führt dazu, in Vergleichen zu denken und zu meinen, den anderen sei es besser gegangen. Solches Vergleichen ist dann der Beginn des nächsten Konflikts. Kapitalismus beruht auf solcher Geschwisterrivalität, wenn es darum geht, schöner, reicher, erfolgreicher oder einfach besser als die anderen zu sein. Nur das Verlassen all dieser kulturellen Voraussetzungen ließe uns miteinander in Anerkennung auskommen, die sich nicht in diesen Berechnungen ergeht. Grammatikalisch wäre das so zu sehen. Die Steigerung von gut wäre nicht besser und am besten. Wir würden die Steigerung in gut-besser-gut umbauen und damit den konfliktstiftenden Superlativ abschaffen.

PNJ: Sie leben auch in den USA, die sich nach 9/11 mehr denn je zu einem Ort weißer Vorherrschaft unter dem Deckmäntelchen der Religiosität verstecken. „Toleranz gibt es da längst nicht mehr. Nicht einmal die Idee davon ist geblieben. Weite Teile der Bevölkerung sind in Glaubenssystemen des Rechtsradikalen oder Evangelikalen selbst eingekerkert und leben die sadomasochistische Politik eines postchristlichen Faschismus, dessen Vertreter sie selbst wählen.“ Sie leben offensichtlich freiwillig dort. Warum? Was hält sie da, und was lässt sie Schlange stehen im Immigration-office und anderen Menschen beim Leiden zusehen, wenn alles dort so schlimm ist?

Marlene Streeruwitz: Es wäre schön, wenn Ihre Bemerkung „Sie leben freiwillig dort“ stimmen könnte. Erstens ist es eine der schmählichsten Feststellungen, einer Person zu sagen, sie könne doch weichen, wenn es ihr nicht passt. So wird Kritik zunichte gemacht. Der Vorschlag, wenn es einer nicht gefiele in ihrem Land, dann könne sie doch anderswo leben, ist ein Satz der Vertreibung. Das wäre nicht einmal mehr Intoleranz, sondern Vernichtung, die sich hinter solchen Vorschlägen verbirgt. Der Satz beschreibt aber sicher einen Normalzustand öffentlichen Denkens, in dem sich die Ungeduld über kritisches Denken ausdrückt. Ich verweise noch darauf, dass dieses antikritische, antiwissenschaftliche Denken grundsätzlich antisemitisch begründet ist.
Teilnehmendes Leben in einem anderen Land ist die Voraussetzung für das Erkennen der Verhältnisse im eigenen Land. So lange wir in Länder eingeteilt leben, wird eine vergleichende Feldforschung der Weg sein, die Machtverhältnisse bloß zu legen. Wenn ich also die Lügen in der Politik in den USA erkennen lerne, dann bekomme ich jenen Abstand zu den Verhältnissen in anderen Ländern, der mir eine Sicht darauf ermöglicht. Im Übrigen interessiert mich einfach, wie die Supermacht USA sich auf mein Leben durch die Machtausübung international auswirken wird.
Wenn wir angefragt sind zu helfen, dann ist es besonders wichtig, klug zu helfen. Es schien mir eine Einmischung in die Agenda dieser Person da auf dem Flughafen bei der Immigration, die in Frauenkleidern dalag und krank schien, war oder spielte. Das sind Romansituationen. Weil wir aber nicht mehr allwissend erzählen können, müssen wir uns in der Interpretation zurückhalten. Ich wüsste den Roman dieser Person sehr gerne. Aber ich wollte auch nicht in irgendeiner Weise störend dazwischenfahren. Wenn sie den Text genau lesen, finden sie die Erklärung für das Verhalten.
Und ist es nicht immer die Frage, wohin wir so einfach fahren und damit so einfach alle möglichen Regimes bestätigen?
Im Übrigen habe ich Familie in den USA.

Interview: Jörg Wild

„Gedankenspiele über Toleranz“
Während eines Flugs nach New York denkt die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über Toleranz nach. Sie reist mit 360 weiteren Passagieren, die großteils nichts voneinander wissen und die lediglich verbindet, einen Vertrag mit einer Fluggesellschaft abgeschlossen zu haben. Wo liegt beim Zusammentreffen so vieler Menschen der Unterschied zwischen „dulden“ und „tolerant sein“? Existieren Vorurteile aufgrund des Äußeren? Was braucht es, um eine lange Tradition der Intoleranz und Unfreiheit hinter sich zu lassen, die die Menschheitsgeschichte durchzieht? Existieren noch immer Reste des römisch-katholisch-absolutistischen Weltbildes in unserer Zeit? Wie sieht das für andere Kulturen aus? Was ist der kulturelle Kontext von Toleranz und was heißt das für die weltweite Einführung von Toleranz? Marlene Streeruwitz gibt persönliche Erfahrungen preis, betrachtet den Alltag und blickt auf den Weltlauf. Ein Plädoyer für Toleranz als Weg zur Durchsetzung der Grundrechte.