Work but no Home
Eine Kurzgeschichte zum Thema „Toleranz“ von Stanley Silewu
Die folgende Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der von heute auf morgen von seiner Frau vor die Tür gesetzt wird. Er hat ein Studium als Sozialarbeiter absolviert. Eine Arbeit hat er auch. Erst nach einem Jahr Suche findet er eine Wohnung.

Jublany fährt mit dem Bus auf dem Busbahnhof ein. Es ist kurz nach 22h. In Nürnberg ist auf den Straßen wenig los. Jublany eilt zum Bahnhof. Er fährt zwei Stationen mit der U-Bahn mit der Nummer zwei in Richtung Röthenbach. Von Plärrer aus fährt er mit der Straßenbahn nach St. Johannis. Die Fahrt dauert 10 Minuten. In St. Johannis lebt er mit seiner Frau. Sie sind noch nicht mit einander verheiratet. Jublany verzichtet jedoch darauf sie als seine Freundin zu bezeichnen – er denkt und fühlt, dass er aus dem Alter raus ist, in dem er sie als seine Freundin bezeichnet.
Jublany holt aus seiner Tasche seine Wohnungsschlüssel raus und öffnet die Wohnungstür. Seine Frau wartet schon auf ihn und verlangt, dass er sofort die Wohnung verlässt. Er will von ihr wissen, wohin er gehen soll, was sie überhaupt nicht interessiert. Um Streit und Auseinandersetzungen zu vermeiden, packt Jublany ein Paar Kleider in seinem blauen Backpacker-Rucksack ein, und geht wortlos wieder aus der Wohnung raus.
In zwischen ist es 23h. In die Innenstadt sind 20-25 Minuten Fußweg. Wie die Straßenbahnen oder Busse um diese Zeit fahren, weiß Jublany nicht. Er will auch gar nicht nachschauen. Er entscheidet sich zu Fuß in die Stadt zu laufen. Das Wetter ist mild. Es ist Ende Mai 2019. Wen kann ich anrufen, fragt sich Jublany. Weiter geht ihm durch den Kopf, dass er am folgenden Tag, um genau zu sagen in ein paar Stunden arbeiten muss. Nach 20 Minuten Fußmarsch erreicht Jublany den Plärrer.
Es fällt ihm ein, dass er eine in Berlin lebende Freundin anrufen könnte, um zu fragen, auf welche Internetseiten günstige Hotels gibt. Sie schlägt Jublany vor, dass er bei Trivago nachschauen könnte. Sie haben gute Angebote. Sie fühlt mit ihm. Jublany bedankt sich und läuft in Richtung Bahnhof. Dort sind viele Hotels. Während er dorthin läuft, schaut er im Internet nach und findet, dass A&O Hotel ein günstiges Angebot hat. Neben dem Angebot steht auch eine Telefonnummer, die Jublany wählt und fragt, ob sie noch ein Zimmer frei haben. Jublany hat Glück. Sie haben noch ein Bett in einem 4 Bettzimmer frei. Als Jublany einchecken will, findet er seinen Ausweis nicht. Vor dem Antritt der Reise mit dem Bus, hat er seinen Ausweis noch gehabt. Zum Einchecken ist der Ausweis notwendig. Jublany erläutert seine Lage. Die Frau an der Rezeption lässt nochmal Gnade walten. Jublany zeigt seinen Dienstausweis, der zum Ausweisen akzeptiert wird. Ein Stein fällt Jublany von Herzen.
Sonst hat er keine Idee, wo er hingehen könnte. Eine Nacht bleibt Jublany dort. Morgen will er erneut überlegen, was er tun kann. Als Jublany ins Zimmer kommt, sind schon drei andere da, welche sehr freundlich sind. Jublany macht sich Bett-fertig. Am folgenden Tag macht sich Jublany für die Arbeit fertig und nimmt seinen Rucksack mit. Angekommen in seinem Büro, das er mit einer Kollegin teilt, stellt er seinen Rucksack in die Ecke, wo seine Seite des Büros ist. Niemand fragt ihn, wie es kommt, dass er seinen Backpacker-Rucksack dabeihat, was Jublany vor Fragen bewahrt.

Gegen 18h hat Jublany Feierabend. Wohin? Keine Ahnung! Wieder meldet sich Jublany telefonisch bei A&O Hotels und möchte wissen, ob sie noch ein Zimmer frei haben, was sie mit Ja beantworten. Er kann in einem Zimmer alleine übernachten und so zur Ruhe kommen.
Als Jublany aus der Dusche kommt, kontaktiert er seine Tante, zu der er Mutter sagt, die ihn im Alter von 10 Jahren adoptiert hat. Er schildert ihr seine Situation. Vor zwei Tagen war er noch bei ihr. Er war zwei Wochen zu Besuch. Jublany hatte seinen Restsommerurlaub. In der Nähe von Düsseldorf hat sie ihr Haus. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter bewohnen sie ein ganzes Haus. Jublany kennt seine leiblichen Eltern. Er weiß nur, dass er aus Mauritius stammt. Seine Mutter sichert ihm ihre Hilfe zu, worüber sich Jublany freut. Gerne möchte sie ihn bei der Wohnungssuche unterstützen und begleiten. Jublany schöpft wieder Hoffnung. Denn die Wohnungssituation ist in Nürnberg prekär. Vor einem Jahr hat Jublany mit einer Freundin und seiner Frau einen Kurzfilm über die Wohnungssituation in Nürnberg gedreht. Es war das Jahr 2014. Der Kurzfilm hat den Titel „Ohne Geld lebst im Zelt“. Er dauert 2,45 Minuten. Im dem kurzen Beitrag schildern ein Student, Jugendliche und eine junge Frau, wie schwierig Wohnungen zu mieten sind.
Das Geld ist ausgeschöpft. Jublany war mit seiner Frau im Urlaub. Sie haben sowohl Strand- als auch Nilkreuzfahrturlaub gemacht. Daher sind seine Reserven ausgeschöpft. Er wusste nicht, dass seine Frau ihn vor die Tür setzen wird. Morgen weiß er nicht, wo er übernachten wird. Jublany ist Sozialarbeiter und verdient ca. 1900 Euro netto. Morgen nach der Arbeit will er ins Internet-Cafe gehen und nach Wohnungen suchen. Er reist mit seinem blauen Backpacker-Rucksack. In seinem Rucksack hat er alles dabei, was er benötigt: Kleidung, Hygieneartikel, Schlafsack, Schlafanzug, Plastikteller, Plastikbecher, Plastikbesteck sowie Lebensmittel wie Olivenöl, Salz, Pfeffer und Zucker.
Jublany arbeitet in der Kinder- und Jugendhilfe. Er begleitet und unterstützt Familien und Jugendliche bei ihren Herausforderungen im Leben. Eltern haben z. B. Eheprobleme während die Kinder Schulprobleme haben. Sie haben z. B. Angst in die Schule zu gehen, was bedeutet, dass sie die Schule verweigern. Dahinter stecken vielfältige emotionale persönliche Gründe. Sie tragen all diese Last mit sich herum. Jublany sieht aktuell parallelen zu seinem Leben. Die Frage, die sich für Jublany stellt ist, wie kann er die Jugendlichen und Familien unterstützen und begleiten, wenn er selbst große emotionale Probleme hat. Er weiß nicht mal, wo er morgen übernachten wird.
Jublany entwickelt ein Gefühl dafür, dass es im Leben Momente gibt, in denen das Leben weniger gut läuft. Dabei ist wichtig, diese Situationen auszuhalten und weiter positiv zu bleiben. Jublany erinnert sich an die Aussagen seiner Ausbilderin während der Ausbildung der Systemischen Beratung: Sie erläuterte, dass Menschen in schwierigen Zeiten mehr lernen als in harmonischen Zeiten.

Seine Frau schreibt ihm Nachrichten, dass er seine Sachen aus der Wohnung abholen soll, sonst wird sie sie wegwerfen lassen. Er erläutert ihr, dass er noch ein wenig mehr Zeit benötige, bis er die Sachen aus der Wohnung raus schaffen kann. Sie gewährt ihm 4 Wochen. Sonst werden die Sachen auf dem Sperrmüll landen. Jublany erwidert, dass sie es machen könne, wenn sie es für richtig erachtet.
Am nächsten Tag nach der Arbeit meldet sich Jublany telefonisch bei Sam. Er schildert ihm seine aktuelle Lage. Sam ist einverstanden, dass Jublany heute Abend zu ihm nach Hause kommt. Allerdings geht Sam erst mit ein paar Freunden in die Muckibude. Gegen 23h kehrt Sam wieder nach Hause zurück. Da könne Jublany zu ihm nach Hause kommen.
Der Sozialarbeiter bedankt und freut sich über die Unterstützung. Es sind noch 6 Stunden bis Jublany zu Sam nach Hause kann. Was tun? Er hat kein zu Hause, wo er einfach hingehen und sich ausruhen kann. Einfach sich aufs Sofa hinlegen und die Seele baumeln lassen. Gerade scheint die Sonne. Draußen ist schönes Wetter. Es sind noch 20 Grad Celsius. Deshalb nimmt Jublany seinen Rucksack und fährt mit der U-Bahn zur Wörderwiese. Dort sind viele Menschen, die auf der Wiese liegen. Dieser Platz ist sehr groß. Überall Menschen, die auf Decken und Isomatten chillen. Es gibt auch Imbissstände. Jublany sucht sich einen ruhigen Platz und versucht etwas zu schlafen. Als er langsam dunkel wird, macht sich der obdachlose Sozialarbeiter auf dem Weg ins Internet-Café, um nach Wohnungen zu suchen. Nach ein paar Stunden Suche, findet der Wohnungslose endlich eine passende Wohnung. Sie ist in seinem Budget. Er ist glücklich und gut gelaunt. Der Obdachlose macht sich auf dem Weg, um sich ein Döner zu kaufen. Ein Wasser nimmt er noch dazu. Etwas Gesundes zu Essen kann er sich nicht leisten. Er hat keine Kochgelegenheit.
Für heute Abend hat er jetzt einmal eine Schlafgelegenheit. Sam ist freundlich und sympathisch. Er hilft gerne. Sein Studentenleben mag er gerne. Sein Studienfach ist Jura. Sein Heimatland ist Neuseeland. Jublany wird unsanft aus seinen Erinnerung gerissen, als der Dönerverkäufer ihn auf seiner Schulter schüttelt. Sie möchten schließen.
Es ist kurz nach 01:00h morgens. Oh, denkt Jublany. Er sei mit Sam um 23h in seiner Wohnung verabredet. Kann er noch zu ihm? Wird er das Klingeln hören? Jublany bezahlt den Döner und das Wasser. Er macht sich auf dem Weg zu Sam. Vom Plärrer in die Südstadt dauert es ca. 25 Minuten zu Fuß. Während Jublany läuft, versucht er Sam auf seinem Handy zu erreichen. Leider meldet sich nur die Mailbox. Jublany fragt sich, was er jetzt tun soll. Soll er trotzdem zu Sam gehen und klingeln? Vielleicht hat er Glück und Sam hört das Klingeln. Um 01:30h erreicht Jublany Sams Wohnung. Er klingt und klingt. Es tut sich nichts. Es sind schon 15 Minuten vergangen. Der Sozialarbeiter überlegt, wo er jetzt hingehen könnte. Leider fällt ihm nichts ein. Plötzlich klingt sein Handy als er gehen will. Der Obdachlose hatte sich überlegt im Rosenaupark, in der Nähe der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg zu übernachten. Es wäre das erste Mal im Freien zu übernachten. Jublany nimmt sein Handy ab. Auf der anderen Leitung ist Sam, der sich entschuldigt, weil er sein Handy nicht klingeln gehört hat. Das Handy war auf lautlos gestellt. Er sei eingeschlafen. Er bittet Jublany wieder zu kommen. Gerne möchte er ihn aufnehmen. Jublany bewegt sich in Richtung Haustür, die Sam dann persönlich öffnet. Er nimmt Jublany in Arm und bittet ihn herein zu kommen.

Stanley Silewu ist Sozialpädagoge, er lebt in Hamburg und ist seit sechs Jahren Mitglied im PNJ-Vorstand
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