Alle Mann ratlos
Als 1975 Islands Frauen zusammenstanden und mit einem Generalstreik ihr Land einen Tag lahmlegten.

„Meine Mutter blieb einen Tag lang weg – und eine ganze Nacht“, erinnert sich Auðunn Atlason an den landesweiten Streik der Isländerinnen 1975. Damals war er vier Jahre alt. 50 Jahre später ist Atlason Botschafter der Republik Island in Berlin und Vater von zwei Töchtern, für die es selbstverständlich ist, dieselben Bildungs- und Karrierechancen zu haben wie männliche Gleichaltrige. Island ist europaweit das Land mit der höchsten Gleichberechtigung. Dass Männer und Frauen, gleich qualifiziert und im gleichen Job – fast – gleich bezahlt werden, der so genannte Gender Pay Gapbeträgt dort 8,6 Prozent (in Deutschland sind es 18 Prozent), ist Ergebnis eines Prozesses, der vor 50 Jahren in Gang kam. Damals betrug die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen 30 Prozent.
Hrafnhildur Gunnarsdóttir erinnert sich ebenfalls an den 24. Oktober 1975: „Ich war elf Jahre alt und stand mit meiner Mutter vor der Bühne bei der Kundgebung in Reykjavik. Es war beeindruckend, als sei das ganze Land gekommen“, erzählt die Produzentin des Dokumentarfilms „Ein Tag ohne Frauen“, den Gunnarsdóttir mit der US-Amerikanerin Pamela Hogan realisiert hat. Tatsächlich beteiligten sich 90 Prozent der Isländerinnen, davon gingen 20 Prozent in der Hauptstadt Reykjavik auf die Straße. Gemessen daran, wie klein das Land mit seinen damals 217.000 Einwohnern war, wurde Island lahmgelegt.


Zeitzeuginnen berichten selbstbewusst und humorvoll von den Ereignissen, die zum Generalstreik führten. Fotos werden in die Kamera gehalten, Zeitungsartikel auseinandergefaltet. Eine Titelseite zeigt die Protestierenden. „Das bin ich“, bedeutet Vigdís Finnbogadóttir, damals Leiterin des städtischen Theaters Reykjavik. Die nun 94-Jährige schildert, wie die Frauen ihres Ensembles besprachen, ob sie an dem Streik teilnehmen sollten – oder nicht. „Die Angst, zur Strafe entlassen zu werden, schwang mit und setzte die engagierten Frauen unter wirtschaftlichen und unter Loyalitätsdruck.“ Finnbogadóttir wandte sich an ihre Mitarbeiterinnen: „Ihr müsst selbst wissen, ob ihr streikt. Ich werde es tun.“ Sie lächelt. „Dann gingen wir gemeinsam los.“

Hrafnhildur Gunnarsdóttir sagt, sie habe den Mut der Frauen abbilden wollten, „denn ob der Streik etwas bewirkt, hat niemand absehen können“. Das greift eine der mit Aquarellen animierten Filmszenen auf, 1975 im Zeitraffer: An Bord eines Fischereischiffes haben sich drei weibliche Angestellte unter Deck zurückgezogen und die Tür der Kabine verschlossen. Die Männer der Besatzung stehen davor, dann klopfen sie, verlangen, dass die Frauen ihren Streik beenden und an die Arbeit gehen. Die Kolleginnen bleiben hart, überreden sogar den Funker, ein Telegramm nach Reykjavik zu schicken, mit Grüßen an die Kundgebung. Es wird dort unter Jubel verlesen. In der Menge vor der Bühne hört es die Ehefrau des Kapitäns. „Später hat sie ihren Mann angerufen und ihm gesagt, er habe Heldinnen an Bord“, schildert die Dokumentarfilmerin.
Der Streik am 24. Oktober 1975 bezog sich nicht nur auf Erwerbsarbeit, auch Hausarbeit blieb liegen, Kinderbetreuung fand nicht statt. Die Rollen standen plötzlich infrage. Die Aktivistinnen initiierten so Islands Gleichberechtigung. Für die Ehemänner und Väter ein ungewohntes Szenario, ihre Kinder mit ins Büro zu nehmen oder ihr Essen selbst zu kochen. „Der Streik war kein Vulkanausbruch, mehr wie das Fließen von Lava, langsam und stetig“, vergleicht Hrafnhildur Gunnarsdóttir. Deshalb sei das Datum bis heute im Gedächtnis des Landes verankert, „und jeder, der den Tag miterlebte, erinnert sich genau, wo er war“. Etwa Islands späterer Botschafter in Deutschland.

Noch einmal filmt die Kamera Vigdís Finnbogadóttir, die älteste der Interviewten: „Nach dem Generalstreik habe ich zu meinen Töchtern gesagt, dass ihr Leben ab sofort besser würde.“ Sie macht ein zufriedenes Gesicht. Ihr selbst war als Kind der Berufswunsch Kapitänin noch ausgeredet worden, „du bist doch ein Mädchen. Mädchen steuern keine Schiffe in andere Länder“.
1980 wurde Vigdís Finnbogadóttir erste Präsidentin Islands.
Text: Dr. Tanja Kasischke
Fotos: Rise and Shine Cinema
Der Film „Ein Tag ohne Frauen“ (Originaltitel: The Day Iceland Stood Still) ist seit 13. März 2025 im Kino
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