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Mehr Demokratie wagen!

Klaus Farin blickt auf unser aktuelles Verständnis von Demokratie und erklärt, warum ein Satz von Willy Brandt aus dem Jahr 1969 heute wichtiger ist denn je. Dafür hat er diverse Studien betrachtet und für uns zusammengefasst.

Foto: Stillfx / AdobeStock

Demokratien stehen weltweit unter Druck. Populismus, Desinformation und gesellschaftliche Polarisierung gefährden die Grundlagen unseres Zusammenlebens. In dieser Situation braucht es nicht nur politische Maßnahmen, sondern auch zivilgesellschaftliche Impulse, um unsere demokratischen Werte zu schützen und zu stärken. Denn die Demokratie lebt vom Engagement ihrer Bürger:innen. Wenn Menschen keine Möglichkeit sehen, ihre Stimme einzubringen, droht Resignation und das Erstarken antidemokratischer Kräfte. 

Gerade in Krisenzeiten neigen Menschen dazu, sich in Filterblasen zurückzuziehen. Neben Vereinen und Verbänden bieten vor allem soziokulturelle Angebote einen Gegenpol zu dieser Tendenz. Sie bringen verschiedene Menschen zusammen, fördern kritisches Denken und lehren, Informationen zu hinterfragen. Dies ist von unschätzbarem Wert, um Manipulation und Extremismus vorzubeugen. 

Kultur ist mehr als Unterhaltung – sie ist ein Spiegel unserer Identität und unserer Werte. Sie ermöglicht, gesellschaftliche Herausforderungen zu reflektieren und alternative Perspektiven zu entwickeln. Theater, Literatur oder Musik schaffen Räume, in denen Themen wie Gerechtigkeit, Freiheit und Mitbestimmung verhandelt werden. Kultur spricht nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz an. Sie berührt Menschen emotional und bringt sie dazu, über ihre eigene Rolle in der Gesellschaft nachzudenken. Indem sie Empathie fördert, baut sie Brücken zwischen verschiedenen Lebenswelten und Perspektiven – eine Fähigkeit, die in polarisierten Gesellschaften essenziell ist. Wer kulturelles Engagement wegspart, gefährdet die Demokratie. Und vergrößert die Distanz der Menschen zu ihren politischen Repräsentanten.

Verschiedene Studien belegen eine hohe Zustimmung zur Demokratie, aber viel Unbehagen an der Praxis. Die große Mehrheit der Bevölkerung bejaht die Demokratie grundsätzlich, viele haben aber das Gefühl, selbst nicht an ihrer Gestaltung beteiligt zu werden. Das gilt auch für junge Menschen:

„Viele junge Menschen in Deutschland haben Vertrauen in die Demokratie und die Europäische Union. Drei Viertel der Befragten geben an, den Bereichen der Bildung und Wissenschaft zu vertrauen. Kritischer bewerten die jungen Menschen die politischen Institutionen in der Bundesrepublik: Mehr als die Hälfte der Befragten zwischen 18 und 30 Jahren (52 Prozent) äußert Misstrauen in die Regierung, 45 Prozent mangelt es an Vertrauen ins Parlament. Auch das Misstrauen gegenüber Medien (60 Prozent) und Religion (58 Prozent) ist hoch.“ (Bertelsmann-Stiftung)

Antisemitismus, Rassismus und andere Theorien der Ungleichwertigkeit von Menschen und allgemein die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien jeglicher Art sind oft Folge von Ohnmachtsgefühlen. Glückliche Menschen mit einer Zukunftsperspektive und der Gewissheit, ihr Lebensumfeld mitgestalten zu können, sind weniger anfällig für Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, darauf haben die Mitte-Studien der Universität Leipzig, die seit 2002 durchgeführt werden, und diverse Studien des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld immer wieder hingewiesen. Gruppenbezogene Vorurteile und die Ablehnung demokratischer Werte verstärken sich gegenseitig und können zu einem gefährlichen Kreislauf führen, der die gesellschaftliche Kohäsion und die Stabilität demokratischer Strukturen bedroht. Studienbelegen aber auch: Engagierte Menschen sind zufriedener mit der Demokratie in Deutschland. Es gilt also, mehr Angebote aktiver Partizipation zu schaffen und Menschen zu motivieren, sich ehrenamtlich zu engagieren. Willy Brandts Forderung von 1969 – „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ – ist heute aktueller denn je. 

Viele Menschen haben das Gefühl, nicht auf die Politik einwirken zu können, nicht gefragt zu werden. Das ist einer der Hauptfaktoren dafür, dass sie entweder gar nicht wählen oder auch Parteien wählen wie die AfD, die sich – wenn sie an der Macht wären – noch weniger um die Bürger:innen scheren würden, die sie gewählt haben. Deshalb geht es darum, mehr Menschen zu motivieren und ihnen ernsthafte Möglichkeiten zu geben, sich gesellschaftlich zu engagieren, im Alltag, in der Schule, auf der Arbeit, aber auch in Bürgerräten und ähnlichen Formen nicht nur gehört zu werden, sondern auch mitentscheiden zu dürfen. Die deutsche Demokratie muss sich erneuern und erweitern. Es gibt gute Methoden für mehr Bürger:innenengagement, vor allem auf der lokalen und regionalen Ebene. Der erste Bürgerrat zum Klimaschutz wurde noch in der Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingerichtet und war sehr erfolgreich. Ebenso der Bürgerrat zum Thema gesunde Ernährung. Und andere Länder sind da noch weiter als Deutschland. Die Schweiz hat basisdemokratische Instrumente und Erfahrungen, von denen wir lernen könnten. Manchmal kommt natürlich auch etwas Komisches dabei heraus, aber das ist kein Argument gegen den Prozess. Durch Bürgerräte und andere Engagementangebote werden viele Menschen qualifiziertere Demokrat:innen. Es gibt Beratung, es gibt Informationen, Expert:innen halten Vorträge, wochenlange Prozesse. Das ist das Entscheidende: Es ist der Diskussionsprozess vor der Entscheidung, die Beratung, die Gespräche. Es ist partizipative politische Bildung im besten Sinne. Sonst wird die Wahlbeteiligung noch weiter sinken und die Regierungsparteien, die heute schon von nicht einmal einem Drittel der Menschen in Deutschland gewählt werden, vertreten zukünftig gerade einmal ein Viertel oder ein Fünftel der Bevölkerung. Mehr Demokratie wagen – das ist der Königsweg, um die Demokratie als solche zu stärken und nicht nur einzelne Themen. Scholz und Co. reden gerne davon, das Land „zukunftsfähig“ machen zu wollen. Gibt es ein wichtigeres Zukunftsprogramm als den Erhalt und Ausbau der Demokratie?

Foto: Jan Tovar
Text: Klaus Farin