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„Heilsam und bemüht – das ist Frieden“

Wolf Gregis hat eine Offiziersausbildung bei der Bundeswehr absolviert und war 2008-2009 auf einem Auslandseinsatz in Afghanistan. Von diesen Ereignissen handelt sein neuer Roman Sandseele, der dieses Jahr erschienen ist. Heute ist Wolf Gregis als Lehrer in Rostock tätig. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er die jüngsten Ereignisse in Afghanistan bewertet und natürlich darüber, wie das zusammengeht: Frieden und Soldat.

© Wolf Gregis

WerteJahre: Herr Gregis, was bedeutet für Sie Frieden?

W. Gregis: Bei der Frage musste ich schmunzeln. Ich bin Geschichtslehrer und diskutiere diese Frage auch häufig mit meinen Schüler:innen. Frieden ist ja erstmal unabhängig von militärischen Dingen, sondern hat auch eine soziale und gesellschaftliche Dimension. Er ist ein heilsamer Zustand der Abwesenheit von Streit und insbesondere von Krieg. Dieser Zustand ist das Ergebnis von Friedensbemühungen, er ist keine Selbstverständlichkeit. Also: Heilsam und bemüht – das ist Frieden.

Sie waren 2008/09 als Bundeswehrsoldat in Afghanistan. Vielleicht eine etwas klischeehafte Frage, aber: Soldat und Frieden – wie passt das zusammen?

Eigentlich gehört Soldat und Frieden eher zusammen, als Soldat und Krieg. Der Soldat ist erstmal dazu da, den Grundzustand von Frieden zu sichern. Seit dem Kalten Krieg hat sich viel geändert. Wir sehen keine bipolare Machtverteilung, sondern wir leben in einer globalisierten Welt. Das heißt, die Friedenssicherung findet nicht mehr (nur) im eigenen Land statt, sondern sie muss auch dort unterstützt werden, wo es aus eigener Kraft nicht möglich ist. Als große Macht – und damit meine ich Europa und den Westen insgesamt aber auch Länder im asiatischen Raum – muss man auch Verantwortung nehmen.

Ihr Einsatz ist ja nun schon über zehn Jahre her. Jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben. Die Ereignisse scheinen ja noch sehr präsent zu sein. Haben Sie die Geschehnisse in all den Jahren verfolgt?

In der ersten Zeit nach der Rückkehr habe ich natürlich sehr genau hingeschaut, weil man die Kamerad:innen und den Einsatz kennt. Da habe ich mich aber auch viel geärgert. Es wurde immer schlimmer, das war es, was mich verrückt gemacht hat. Ich habe dann erstmal dichtgemacht. Aber es lässt einen nicht los, insbesondere weil der gesellschaftliche Umgang mit dem Einsatz über fast 10 Jahre fast nicht mehr stattfand. Und eine Gesamtaufarbeitung fehlt noch und deshalb habe ich mich damit  beschäftigt und sehr genau verfolgt und viel mit Kameraden gesprochen. Man hat es eigentlich kommen sehen, das war ja das Schlimme. Wo lagen die Gründe dafür und wie geht man jetzt damit um? Das sind Fragen, die mich auch heute noch beschäftigen.

In den letzten Monaten, insbesondere seit der Machtübernahme der Taliban gibt es ja sehr viel Kritik an dem Einsatz und insbesondere an dem vorschnellen Abzug der USA und ihren Alliierten, unter anderem Deutschland. Sie haben gesagt, Sie haben sich viel geärgert. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Das ist wirklich ein Wechselbad der Gefühle: Sprachlosigkeit, Schockstarre, Ungläubigkeit und Wut.
Für mich beginnt das Ganze am 30.06. mit dem Abzug des letzten Kontingents. Ab da konnte man beobachten, wie in Afghanistan alles mehr oder weniger in sich zusammengefallen ist. Und das hat natürlich für eine große Aufregung unter den Veteran:innen gesorgt, denn es wurden ja wirklich viele Opfer gebracht. Damit meine ich nicht nur die Gefallenen und diejenigen, die seelisch oder emotional in Mitleidenschaft gezogen wurden, sondern auch all die anderen Entbehrungen. Viele Kamerad:innen haben dort Jahre verbracht und ihre Lebenskraft geopfert. Und das soll jetzt alles für nichts gewesen sein?
Da stellt sich natürlich die Frage, wer denn jetzt eigentlich schuld ist. Und da darf man es sich nicht zu einfach machen. Man kann das jetzt auch nicht alles der Politik in die Schuhe schieben und quasi eine neue Dolchstoßlegende aufmachen. Natürlich muss man auch in den eigenen Reihen schauen. Aber gerade deshalb muss man die Veteran:innen mit an den Tisch holen. Wenn man diese Gruppe nicht einbezieht, wendet sie sich ab. Da muss man jetzt sehr differenziert draufschauen, damit man jetzt nicht den inneren Frieden aufbricht.

Auf Ihrem Instagram Kanal haben Sie sich auch für die Evakuierung der Ortskräfte eingesetzt. Wie würden Sie die Lage für die afghanischen Ortskräfte beschreiben?

Die Lager wurden ja allesamt von Afghan:innen betrieben. Sie haben die Straßen gepflastert, die Container gereinigt, den Müll weggebracht – eigentlich haben sie alles gemacht. Das hätten wir allein gar nicht leisten können. Das ist ja nur die Grundversorgung. Und dann kommen diejenigen, mit denen wir täglich zusammengearbeitet haben. Das sind die Sprachvermittler:innen, ohne die wir hoffnungslos aufgeschmissen gewesen wären und die jetzt besonders gefährdet sind. Und denen haben wir versprochen, dass wir sie mit rausnehmen, wenn es gefährlich wird.
Und wenn diese Versprechen dann hintenrum durch bürokratische Hürden ausgehebelt werden, dann rüttelt das an der Ehre eines ehrlichen Soldaten. Nein: eines Menschen.
Deswegen ist der Aufschrei hier auch so groß gewesen. Es hat mich sehr gefreut, dass wir da mit der Zivilgesellschaft auf einer Wellenlänge waren. Nur kommt noch dazu, dass wir Bilder und konkrete Gesichter vor Augen haben. Ich habe bis heute Kontakt zu afghanischen Ortskräften, die mich fragen, wann die deutschen Flieger wiederkommen, die Kinder und Familie haben. Was sagst du diesen Menschen?

Die Zivilgesellschaft hat jetzt die Luftbrücke Kabul geschaffen. Wie finden Sie das, dass auf die Zivilgesellschaft ausgelagert wird, wozu ja eigentlich die Bundesregierung zuständig sein sollte?

Ich finde es gut, wenn Menschen für ihre Überzeugungen einstehen und dementsprechend handeln. Und ich muss ehrlich sagen, dass mein Vertrauen in die Bundesregierung durch den Umgang mit den Ortskräften an Schaden genommen hat. Meiner Meinung nach wurde nicht so gehandelt, wie es versprochen wurde. Und deshalb begrüße ich die Luftbrücke, zum einen, um zu zeigen: wir kümmern uns auch selbst! Aber auch, um zu zeigen: Es geht! Aber man muss auch sagen, dass einzelne Flieger natürlich nicht das gleiche sind, als wenn man gesamtstaatlich handelt.

Sie haben gerade den 30.06. angesprochen und das Ende des Kontingents. Für mich – und ich glaube, für viele andere auch – medial präsent war vor allem der 15.08. als die Taliban die Macht in Kabul übernommen haben und die afghanische Armee ohne große Widerstände gefallen ist. Es kam ja nachher raus, dass eigentlich klar war, dass dies passieren würde, nur ist es sehr viel schneller passiert, als erwartet. Wo waren Sie denn, als Sie diese Neuigkeiten erfuhren und wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Als die ersten Städte gefallen sind, meinte ich noch spaßeshalber, dass die Taliban 09/11 wieder in Kabul feiern werden. Das war wirklich Galgenhumor. An dem Tag selbst saß ich mit einer Journalistin in Berlin zusammen und wir haben uns über die Gründe des Scheiterns dieses Einsatzes unterhalten. Da wusste ich noch nichts von Kabul selbst und von diesen dramatischen Bildern. Ich habe das dann zuhause mit meinen Kindern – die sind sieben und elf – in der Tagesschau gesehen und diese Tagesschau werde ich nicht mehr vergessen. Dass man den Kindern sagen muss: Das ist echt, was da passiert. Die Bilder sehen ja wirklich aus wie in Filmen. An dem Abend hat sich meine 11-jährige Tochter in den Schlaf geweint. Wenn ich an den Tag zurückdenke, wird mir jetzt wieder ganz anders.
Ich kannte den Flughafen in Kabul eigentlich als sehr sicheren Ort. Und jetzt wird diese Erinnerung von all den schrecklichen Bildern aus dem Fernsehen und von den Ortskräften überlagert. Ich, der ich selbst in Kabul war, musste Kabul neu denken.

Sie stehen ja dafür ein, dass Soldat:innen ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft wiederfinden. Wie ist die Lage denn und was läuft aktuell schief?

Da gibt es zwei Dimensionen: Das Politische und das Gesellschaftliche.
Auf politischer Ebene ist jetzt nochmal klargeworden, was ein Auslandseinsatz eigentlich bedeutet. Da müssen unbedingt die Versorgungsfragen unbedingt geklärt werden. Die Bundeswehr basiert ja auch Zeitsoldat:innen, die die Armee nach ihrer Dienstzeit wieder verlassen. Und wenn sie während ihrer Dienstzeit Schädigung erlangen, müssen sie dementsprechend versorgt werden. Ein verletztes Bein ist natürlich offensichtlich, aber auch psychische Versehrungen müssen versorgt werden, auch wenn sie Jahre nach dem Einsatz auftreten.
Die andere Dimension ist die Anerkennungsfrage und da kommen wir auch auf den Friedensbegriff zurück, dass man sagt, man muss den Soldaten und seine Rolle auch neu denken. Ich finde, dass Veteranen viel öfter mit am Tisch sitzen sollten. Da sind aber auch wir gefordert, offen damit umzugehen. Allzu häufig bleiben Veteran:innen unsichtbar, weil sie das Gefühl haben, nicht ganz dazuzugehören. Ein offener Umgang, wie dieses Gespräch hier, kann aber auch dazu beitragen, das Thema zu enttabuisieren.
Die letzten Monate haben immerhin auch was positives gezeigt: Nämlich, wie Veteran:innen und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können, zum Beispiel in den Partnerschaftsnetzwerken für die afghanischen Ortskräfte. Das zeigt, wie es gelingen kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Keine Ursache, hat mich gefreut!

Interview: Gina Tomaszewski

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