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„Männer dürfen, Frauen müssen für ihre Kinder da sein.“


Der 8. März ist Frauentag. Nach dem Valentinstag werden zum zweiten Mal innerhalb eines Monats Blumen verteilt. Der Anlass will würdigen, was Frauen leisten; im Beruf, als Mütter. Der kausale Zusammenhang zeigt: Leistung ist die Variable, nach der gerechnet wird. Die US-Amerikanerin Mary Catherine Starr erreicht in den sozialen Medien große Resonanz, weil sie illustriert, wie unterschiedlich die Gesellschaft Frauen- und Männerrollen moralisch bewertet.

Cartoon: instagram.com/momlife_comics

Die renommierte Huffington Post hat auch schon über sie berichtet. Mary Catherine Starr bekam den Spitznamen Trailblazer, Wegbereiterin. Als visionär sieht sie sich nicht, aber kritisch gegenüber der Selbstoptimierungskultur, die vor allem junge Frauen im Spagat zwischen Frausein, Beruf und Familienalltag an ihre Grenzen bringe. Und hierbei bezieht sich Starr noch auf die Zeitrechnung vor der Pandemie. Über den Frauentag sagt sie: „Wir brauchen das Datum leider noch. Gleichberechtigung von Mann und Frau gibt es nach wie vor nicht.“ Genau das illustrieren ihre Bilder, für die sie im Netz gefeiert wird. Die Mutter zweier Kinder hat einen Nerv getroffen: Die unbegrenzte Verfügbarkeit der Ressource Frau als Erwerbs- und Care-Arbeiterin wird als selbstverständlich angesehen, häufig vom eigenen Partner, fraglos von der Gesellschaft. Eine Politik die auf Gleichberechtigung hinwirkt, bleibt in der Anwendung hinter den Erwartungen zurück. Zuvor muss ein kultureller Wandel her.

Starrs Bilderbogen zeigt Mann und Frau, Vater und Mutter, die exakt das Gleiche tun, nur anders wahrgenommen werden. Ein Vater, der den Kinderwagen schiebt und dabei auf sein Smartphone schaut, wird als präsent gelobt. Die Mutter in der anderen Hälfte des Bildes wird moralisch abgewertet, da nicht auf das Kind fokussiert. „Ungleichheit ist kein Frauenproblem, es ist das Problem aller.“ Sie habe, sagt die Grafikerin, die Grundannahme der Gesellschaft spiegeln wollen. „Männer dürfen, Frauen müssen für ihre Kinder da sein.“

Cartoon: instagram.com/momlife_comics

Nächste Szene, vor der Schule: Eltern verabschieden ihr Kind, wieder sind die Zeichnungen identisch. Unter der Bildhälfte des Mannes steht „involved Dad“, beteiligter Vater. Bei der Frau lautet die Bildzeile, „working Mum“, berufstätige Mutter. So holzschnittartig die gesichtslosen Figuren sind und so pauschalisierend die Szenen wirken, sie greifen gezielt die Schieflage in der Würde der Geschlechterrollen auf: Frauen liefern doppelte Leistung ab und bekommen die einfache Wertschätzung. Wenn überhaupt. „Jede Frau muss sich Auszeiten schaffen und abhärten gegenüber Äußerungen, sie sei eine schlechte Mutter, wenn sie nicht unbegrenzt verfügbar ist.“ Aus eigener Erfahrung wisse sie, sagt Starr, „ich bin eine bessere Mutter, wenn ich als Frau gesehen und gewürdigt bin. Person geht vor Rolle.“ Unabhängig davon, ob gerade Frauentag ist.

Foto: Mary Catherine Starr / privat

2010 kündigte Starr ihren Bürojob, zog weg aus der US-Hauptstadt Washington D.C., die Ostküste hinauf nach Cape Cod. Ihr Mann stammt von dort. Starr selbst ist aus Georgia. Das Cape, die Halbinsel südlich der Metropole Boston, ist seit den 1960ern bei Aussteigern, Kreativschaffenden und Selbständigen beliebt, weil es sich dort unaufgeregt lebt. Mary Catherine Starr arbeitet inzwischen als Yoga-Lehrerin – wenn sie nicht zeichnet. Good parents, bad parents. Sie will Menschen dazu bringen, genau hinzuschauen. Männern schiebt Starr nicht den Schwarzen Peter zu, sie betont: „Wenn sich ein Partner einbringt, ist das toll. Wenn es tatsächlich die Hälfte der Aufgaben ist, die er übernimmt, großartig. Er merkt dann, wieviel unsichtbare Care-Arbeit an der Frau hängenbleibt.“ Die proaktiven Beispiele echter Arbeitsteilung seien handverlesen, weil der Applaus des sozialen Umfeldes den Mann sofort erreiche und ihm signalisiere „das reicht schon, was ich mache. Das ist ein Trugschluss. In der Mehrzahl sind die Frauen überarbeitet und überfordert, und sie werden noch stigmatisiert als nicht belastbar.“ Mitunter von Frauen der älteren Generation, die den Jüngeren vorhalten, mit staatlichen Leistungen, komfortablen Betreuungszeiten und Home Office sei doch ein großer Korridor zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaffen worden. „Die Politik bringt Maßnahmen auf den Weg, ja“, sagt Mary Catherine Starr, „die Kultur verändern kann sie aber nicht. Die Haltung unserer Gesellschaft ist, dass Frauen und Müttern perfekt zu sein haben.“ Damit müsse Schluss sein. „Ich begegne immer mehr Frauen, die sich gegenseitig unterstützen, Netzwerken. Die Solidarität ist überfällig. Frauen sind keine Selbstdarsteller, im Gegensatz zu Männern, deshalb tun sie sich schwerer, Synergien zu bilden.“ Würde ist der erste Schritt Richtung Gleichberechtigung.

Text: Dr. Tanja Kasischke