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Würde in der Pflege

2020 gründete sich der Bochumer Bund, die Spartengewerkschaft für Pflegeberufe. Der Bund vertritt die Interessen aller Pflegenden und fordert bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Wieso dafür eine Pflegekammer sinnvoll ist und was es für eine würdevolle Pflege braucht, hat Vorstandsmitglied Jürgen Drebes uns erklärt.

Herr Drebes, Sie sind im Vorstand des Bochumer Bunds, der deutschen Pflegegewerkschaft, die 2020 gegründet wurde. Warum braucht es eine Gewerkschaft, die speziell diesen Berufsstand vertritt?

Es gibt ja ganz viele unterschiedliche Gewerkschaften in Deutschland, die jeweils für eine Berufsgruppe zuständig sind. Das nennt man auch Spartengewerkschaft. Und es gibt es die relativ große Gewerkschaft Ver.di, die aus dem öffentlichen Dienst entsprungen ist und alle Mitarbeiter:innen des öffentlichen Dienstes vertritt. Das von Angestellten im Rathaus zu Angestellten in Krankenhäusern, in der Straßenreinigung etc. Das Problem ist, dass alle diese Berufsgruppen von Ver.di gleichbehandelt werden und das spiegelt sich in den Tarifverträgen wider, die ausgehandelt werden. Wir sind aber der Auffassung, dass es für die Gruppe der Pflegenden besondere Tarifabschlüsse braucht, da die Belastung eine besondere ist. Wir arbeiten teilweise nachts, am Wochenende oder an Feiertagen. Da braucht es eine andere Bezahlung sowie andere Rahmenbedingungen. Wir leiden unter einem großen Fachkräftemangel in Deutschland, der im Bereich der Pflege eklatant ist. Um das zu ändern, muss man andere Rahmenbedingungen schaffen und das ist eben Aufgabe der Gewerkschaft.
Deshalb hat sich eine Handvoll Studierende aus der Pflege, die an der Hochschule für Gesundheit in Bochum studiert haben, dazu entschlossen, etwas für die Pflege zu tun und mehr Öffentlichkeit zu schaffen. Und so wurde vor zwei Jahren in Anlehnung an den Marburger Bund – die Gewerkschaft für Mediziner:innen – der Bochumer Bund gegründet.

Der Bochumer Bund setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Deutschland ein. Was braucht es, um würdevolle Pflege zu garantieren – sowohl, was die Pflegenden als auch die Menschen, die gepflegt werden, betrifft?

Da braucht es gar nicht so viele, aber dafür grundlegende Dinge. Das betrifft zum einen natürlich den Personalmangel: Es kann nicht sein, dass ich, wenn ich morgens zum Frühdienst auf meiner Station erscheine, die einzige examinierte Pflegekraft bin und vielleicht noch ein:e Schüler:in und eine:n Praktikant:in an meiner Seite habe. Da weiß ich schon von vornerein, dass ich die Pflege der mir anvertrauten Patient:innen auf der Station nicht sicherstellen kann. Da wird zum einen in der Planung nicht würdevoll mit mir umgegangen und zum anderen wird so die Würde der Patient:innen mit Füßen getreten.
Deshalb sagen wir: Wir brauchen eine Pflegekammer, ähnlich wie bei den Mediziner:innen. Dort gibt es die Ärztekammer, die den Berufsstand verwaltet. In Rheinland-Pfalz gibt es so eine Kammer schon und in NRW kommt sie bald. Die Pflegekammer hat den ganz klaren Auftrag, den Patienten zu schützen und die pflegerische Versorgung der Menschen in Deutschland, bzw. dem jeweiligen Bundesland sicherzustellen. Da geht es dann beispielsweise um die Abgrenzung, was zur Pflege gehört und was nicht und darum, Ausbildungsinhalte und Pflegestandards zu entwickeln. Es kann ja durchaus mal vorkommen, dass ich als examinierte Pflegekraft allein auf der Station bin, aber dann kann man an dem Tag eben mal nicht operieren. So etwas muss geregelt werden.
Das widerspricht allerdings den Trägern von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, die darauf aus sind, möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Es kann aber nicht sein, dass man mit Pflegebedürftigkeit und Krankheit auch noch Gewinne erzielt! Vielleicht muss man das Gesundheitssystem verstaatlichen, damit der Staat korrigierend eingreift. Ob das sinnvoll ist, habe ich mit einem Kollegen in einem Podcast diskutiert.

Spätestens durch Corona ist der Pflegenotstand in aller Munde. Zumindest symbolisch wird der Pflegeberuf bereits wertgeschätzt, wie beispielsweise durch Klatschen für das Pflegepersonal im Frühjahr 2020. Viele Pflegekräfte empfanden dies jedoch als Hohn und forderten stattdessen eine Pflegereform. Auch den Corona Bonus fanden die meisten nicht ausreichend. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Wertschätzung und tatsächlichen Reformen der Berufsbedingungen?

Das liegt daran, dass die Pflege keine Lobby hat. Das sieht bei den Mediziner:innen natürlich anders aus, die haben sich das Gesundheitssystem zusammen mit der Pharmaindustrie sehr gut aufgeteilt. An Mediziner:innen kommt keiner vorbei: Wenn Sie ein Medikament bekommen, behandelt werden oder gepflegt werden wollen, brauchen Sie immer die Zustimmung eines Mediziners. Dieses Vorgehen finde ich persönlich übrigens schwierig und reformbedürftig. Tatsache ist: Mediziner:innen haben ein viel höheres Ansehen in der Gesellschaft. Die grundlegende Haltung in der Gesellschaft ist leider immer noch: Pflege kann jede:r.
Bereits im Jahr 2011 gab die Studie 112 und niemand hilft vom Wirtschaftsunternehmen PWC. Da wurden Szenarien aufgezeichnet, wo es mit dem Fachkräftemangel in der Medizin, aber auch in der Pflege, hingeht. Damals wurde schon vorhergesagt, dass wir im schlimmsten Fall 2030, also in acht Jahren, 500.000 Pflegefachpersonen in Deutschland zu wenig haben.
Da lohnt sich ein Blick ins Ausland. In Großbritannien wurde bereits 1918 – nach dem Ersten Weltkrieg – eine Pflegekammer eingeführt, damit hat sich die Politik bei den Pflegekräften für die Versorgung im Krieg bedankt. In Amerika wurde die Pflegekammer bereits 1905 eingeführt. Und in beiden Ländern hat die Pflege einen viel größeren Stellenwert als hier in Deutschland.
Es wäre so wenig notwendig, um das zu ändern. Wenn wir aber nichts entwickeln können, können wir auch nicht zeigen, was es wert ist, in der Pflege zu arbeiten und dann kriegen wir auch keine gesellschaftliche Wertschätzung.

Anfang 2021 wurde vom Stern die Petition für eine „Pflege in Würde“ gestartet, die von Ihnen unterstützt wurde. Die Forderungen sind kurz gesagt mehr Zeit für Patient:innen, die Aufwertung des Berufsbildes und die Konsequente Abkehr von Profitdenken. Hat sich durch die Petition etwas verändert?

Natürlich nicht. Die Petition war mit Sicherheit ernst gemeint, aber im Bereich Pflege gab es schon so viele Petitionen. Dann wird in den Parlamenten das Thema Pflege vielleicht auch mal auf die Tagesordnung gesetzt, aber dann taucht ein anderes dringliches Thema auf. Es gibt immer ein Thema, das wichtiger ist als Pflege, da nützen all die Petitionen nichts. Pflegereformen hat es viele gegeben, aber eben keine Reformen, die wirklich grundlegend gewirkt haben.
Die Politik muss viel Mut haben und Kraft aufbringen, um zu sagen: Die Pflege muss indirekt aufgewertet werden, aber vor allem muss sie sich selbst verwalten. Dafür setzen wir als Bochumer Bund uns auch ein.

Gibt es denn auch Pflegekräfte, die kein Interesse an einer Pflegekammer haben?

Ja, da gibt es leider einige. Das liegt auch daran, dass Institutionen, wie Ver.di oder viele Trägerverbände, gegen die Pflegekammer sind, weil sie sich in ihren Kompetenzen beschnitten fühlen. Ein Punkt ist auch, dass niemand einen Mitgliedsbeitrag zahlen will. Wenn eine Selbstverwaltung aufgebaut wird, dann kostet das aber eben Geld.

Aus Ihrer Perspektive heraus: Was ist für Sie Würde?

Für mich persönlich ist Würde, eine richtige Haltung an den Tag zu legen. Das ist für mich zwingende Voraussetzung. Wenn ich keine Haltung mitbringe, kann ich den Menschen nicht würdevoll versorgen. Eine richtige Haltung und ein respektvoller Umgang stehenfür Würde.
Und als Gewerkschafter sage ich ganz klar: Würdevoll ist, dass meine tägliche Arbeit, respektvoll betrachtet wird.

Vielen Dank!

Wer Mitglied beim Bochumer Bund werden will oder einfach mehr über die Gewerkschaft erfahren möchte, kann auf ihrer Website vorbeischauen.