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Die Würde der Frau, die Bürde einer Künstlerin

Rayida Barkisch ist mit 22 Jahren eine junge Frau mit einer langen Geschichte, denn seit ihrer Kindheit musste sie immer wieder um ihre Würde kämpfen. Als Jugendliche, als Jesidin, als Frau; im Irak, in Griechenland, in Deutschland. In ihrer Kunst hat sie eine ganz eigene Sprache gefunden, in Dormagen bei Düsseldorf ist sie heimisch geworden. Wir besuchen sie in ihrer großen Ausstellung in der Stadtbibliothek Dormagen.

Foto: Jugendmigrationsdienste

In der friedlichen Atmosphäre der Stadtbibliothek Dormagen hängen verstörende Bilder, Porträts von Frauen, denen der Schreck im Gesicht steht, die ihre Verwundungen zeigen, die angegriffen und ihrer Würde beraubt worden sind. Mit diesen archaischen Bildern kämpft die junge jesidische Künstlerin Rayida Barkisch gegen das Vergessen, sie will die Spuren der Barbarei zeigen, den Frauen ein Gesicht verleihen, eine Stimme geben, ihre Würde wieder herstellen. Die Odyssee der Rayida Barkisch beginnt im Jahr 2014.

Rayida ist eine von fünf Töchtern einer jesidischen Familie im Norden des Iraks. Die etwa 800.000 Jesiden sind dort eine Minderheit, die monotheistische Religion hat eine lange Geschichte und eine angestammte Heimat im Irak, in Syrien und in der Türkei. Die Jesiden haben aber auch erbitterte Feinde, die dschihadistischen Horden des Islamischen Staates (IS). Für die ist ein Frauenleben wenig wert, tausende Mädchen, besonders Jesidinnen werden auf Sklavenmärkten verkauft, viele vergewaltigt, zwangsverheiratet und erniedrigt. Diesen unzähligen Opfern wird die Künstlerin Barkisch Jahre später ein Gesicht geben, ihrer Ausdruckslosigkeit eine Stimme verleihen.

Rayida erzählt: „Meine Fluchtgeschichte begann, als der IS Dörfer und Städte überfiel und die Menschen dazu zwang, zum Islam zu konvertieren, wer sich weigerte, wurde gefoltert oder erschossen.“ Die Familienflucht beginnt am 3. August 2014, die Eltern laden die fünf Töchter in Fahrzeuge, die Mutter packt noch Öl und Reis für ein paar Tage, dann heißt es, keine Zeit zu verlieren, denn diese Flucht wird lange dauern. Sie sind nicht allein, eine ganze Karawane kämpft sich durch das Sinschar-Gebirge im Nordirak, kämpft ums Überleben. Rayida: „Wir waren sieben Tage im Gebirge, ohne Wasser, ohne Nahrung, ohne Schutz. Wir alle wussten, was der IS mit Frauen macht und für unsere Mutter waren ihre Töchter ihr ganzes Leben.“

Die Flucht gelang nicht allen, zwei Cousins, die in IS-Hände fielen, wurden kurzerhand erschossen, weil sie sich weigerten, zum Islam zu konvertieren. Den letzten Angriff erlebte der Konvoi kurz vor der rettenden kurdischen Grenze, aber dann waren die Flüchtlinge sicher in der Türkei gelandet. Von hier aus ging es mit 50 Leuten in einem überfüllten kleinen Boot auf eine griechische Insel, das Flüchtlingselend setzte sich in einem überfüllten Lager unter sengender Sonne fort, die Flucht hatte kein Ziel, nur ein weg-von-hier. Rayida erklärt: „Es ging uns nur ums Überleben, als Familie zusammen zu bleiben, schließlich sind wir nach Deutschland zugeteilt worden.“

Die deutsche Sprache konnte Rayida nicht, aber sie konnte sich mit Stift und Papier ausdrücken, malen, zeichnen, ihre Erinnerungen in Bildern festhalten. Ihr Vater hatte sie dazu inspiriert, so entstand ganz autodidaktisch der packend-illustrative Stil der jungen Jesidin. Die Reise für die Familie ging von Berlin über Hamburg nach Köln und schließlich nach Dormagen. Dort kümmerte sich der Jugendmigrationsdienst (JMD) um die fünf Schwestern, ein erster Schritt war das Erlernen der deutschen Sprache. Damit wurde auch die Schulausbildung möglich, aktuell macht Rayida ihr Abitur, ein klares Ziel vor Augen nach einer langen Reise durch die Welt. Eine Erfahrung, die sie mitgenommen hat: „Ein Mensch kann eine Heimat sein, aber niemals ein Land.“

Die Künstlerin Barkisch ist eine echte Kämpferin, sie hat klare Vorstellungen von der Zukunft, will sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Bereits in der Flüchtlingsunterkunft hat sie eine Wand mit ihrer Kunst gestaltet, hat als Kunstlehrerin mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Mit ihrer Ausstellung in der Stadtbibliothek setzt sie ein starkes Zeichen für die Würde der Frau, schon der poetische Titel „Der lauteste Ton ist die Stille einer Frau“ benennt den Wunsch der Künstlerin, jesidischen Frauen, von denen mittlerweile viele in Deutschland leben, eine Stimme zu geben. Bei der Eröffnung im Juni war auch Gohdar Alkaidy anwesend, der Vorsitzende der Stelle für jesidische Angelegenheiten in Deutschland. Er stimmte der Künstlerin zu, die sagte: „Bilder sollen nicht schön sein. Sie müssen wirken, aufklären und verändern. Meine Bilder zeigen die Leiden jesidischer Frauen und sind Zeichen auf dem Weg in eine bessere Welt.“

Wolfgang Müller-Breuer und Oksana Blattner von den JMD, die bei der Organisation geholfen haben, freuen sich mit der jungen Künstlerin. Nachdem nach der Vorbesichtigung und Vernissage im Juni schon einige hundert Besucher die Werke gesehen haben, ist die Ausstellung bis Ende August verlängert worden. Von den Verkaufserlösen spendet Rayida einen großen Teil an Organisationen, die sich für jesidische Frauen einsetzen. Auch in Deutschland engagiert sich die junge Frau für die Würde der Frauen, etwa in der Initiative „Demokratie leben!“. Sie sieht, dass auch in westlichen Gesellschaften eine Frau erst zur Frau gemacht wird: „Wenn etwas sauber gemacht werden muss, erwartet man, dass eine Frau das tut.“ Und kurze Röcke sind in ihren Augen niemals eine Begründung für Männer, übergriffig zu werden. Weil sie die Gesellschaft verändern will, wird Rayida Barkisch nach dem Abitur Politik studieren. Als Künstlerin wird sie uns aber weiterhin erhalten bleiben. Mit Bildern, die voller Kraft für die Würde der Frau kämpfen.

Text: Ulrich J. C. Harz